Die Talent-Friedhöfe

Warum Schulen das Entdecken von Talent systematisch verhindern, und warum ich Ganztagsschulen für die schlechteste Idee seit der Einführung der Schulpflicht halte.

Wir sitzen zu zweit am Tisch, mein Schüler Lasse und ich. Auf dem großen Holztisch rings um uns herum liegen seine Schulbücher – wie ein Mahnmal. Wir müssten jetzt eigentlich Latein, Deutsch und Englisch lernen. Stattdessen haben wir alles beiseite geschoben und spielen mit „Story Cubes“: Das sind neun Würfel, die je sechs unterschiedlichen Symbole zeigen. Aus den Bildern, die nach dem Würfeln oben liegen, muss man eine Geschichte bilden.
Ich fange an und breche mir ganz schön einen ab: „Es war einmal, äh…“

Dann kommt Lasse. Mühelos flicht der Zwölfjährige aus den einzelnen Symbolen eine zusammenhängende, spannende, überaus unterhaltsame Geschichte – ich lausche gespannt und muss mehrmals lauthals lachen. „Nochmal!“, fordert Lasse. Die nächste Geschichte wird sogar noch besser. Die Ideen fliegen ihm nur so zu. Ich staune. Jede seiner Erzählungen ist bemerkenswert gut, böte einen 1a-Plot für eine Serie oder ein Buch.

Lasse ist ein Geschichtenerzähler. Er hat Talent. Kein Wunder, dass er sich lieber gut gemachte US-Serien ansieht und sich mit antiker Geschichte beschäftigt, anstatt Deutsch und Mathe zu büffeln – denn hieraus zieht er die Ideen für seinen „Stoff“. Ich wette, Lasse würde einen vielversprechenden Drehbuchautor oder Schriftsteller abgeben – Lasse, für den alles, was mit Schule und Lernen zu tun hat, ein rotes Tuch ist, und der seit über einem Jahr so ziemlich alles verweigert, was ihm von Erwachsenen angeboten wird.

Hätte ich heute die Story Cubes nicht dabei gehabt, wäre mir das wohl gar nicht aufgefallen. Ich hätte Lasse weiterhin für einen in sich gekehrten Jungen gehalten, der auf nichts so richtig Lust hat. Dabei sitzt da vor mir vielleicht der nächste Quentin Tarantino.

Talente in Hülle und Fülle
Talent. Es lässt sich „schwer schürfen“, denn es liegt oft „tief verborgen unter der Oberfläche“.  So beschreibt es der Autor und Bildungsforscher Sir Ken Robinson in diesem sehenswerten Vortrag. Er vergleicht Talente mit wertvollen Edelsteinen – die ja auch nicht einfach so auf der Straße herumliegen.

Es wäre aber ein Irrtum, zu denken, Talent sei rar gesät – im Gegenteil: Dass fast alle Menschen hoch talentiert auf die Welt kommen, ist schon ein geflügeltes Zitat des Neurobiologen Gerald Hüther geworden – es wurde aber auch schon von anderen bewiesen, z.B. in einer NASA-Langzeitstudie von George Land. Das Ergebnis der Studie: Vor der Einschulung sind 98% aller Kinder hochkreativ. Von den Erwachsenen, die nach ihrer Schulzeit getestet wurden, sind es schließlich nur noch 2%. Wie kann das sein? Und was hat Kreativität mit Talent zu tun?

Talent braucht Gelegenheit
Die Begriffe Kreativität und Talent überschneiden sich in ihrer Bedeutung: Kreativität gilt allgemein als „schöpferische Kraft“. Talent als „die Begabung, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten (…) Gebiet befähigt“ (duden.de). Begabung und Kreativität haben demnach nichts mit bestimmten Fächern zu tun. Sie können sich in allen möglichen Kontexten zeigen. Und: Sie beide beschreiben Dispositionen, über die alle Menschen von Geburt an verfügen.

„Man muss eigentlich nur die richtigen Bedingungen schaffen, damit Talente gedeihen können“, sagt Robinson. Wie in einem Gewächshaus. Doch was sind das für Bedingungen?

Der Nährboden: Zeit und Freiheit
Menschen benötigen ausreichend Gelegenheit, ihr Talent aufzustöbern – das heißt: die Zeit und den Raum, um kreativ zu werden, eigene Einfälle in die Tat umzusetzen. Denn nur durch eigenes Schaffen können wir Talent entdecken. „Wer Langeweile hat, fängt an zu überlegen, was er als nächstes tun möchte, und kommt so den eigenen Fähigkeiten auf die Spur.“ (G. Hüther hier).

Leider sind die Möglichkeiten, eigens etwas zu schaffen und eigene Ideen in die Tat umzusetzen, heute so rar gesät wie nie zuvor.

Freies Spielen früher und heute
In den letzten Jahren hat sich das Maß an Beschulung und Betreuung stark erhöht. „Man sieht heute kaum noch Kinder irgendwo alleine“, sagt Kindheitsforscher Michael Hüther (hier). „Und es wird in einigen Jahren gar nicht mehr der Fall sein.“

Von meiner eigenen Kindergarten- und Grundschulzeit weiß ich, dass meine Nachmittage frei waren. Ich verbrachte sie meist versunken in stundenlanges Spielen mit meiner besten Freundin. Wir spielten zuhause, draußen im Garten, im Wald, auf der Straße. Die meisten der Spiele waren selbst erdacht und folgten von uns aufgestellten Regeln. „Freies Spiel ist niemals unstrukturiert“, sagt der Entwicklungspsychologe Peter Gray.

Wir bauten allerhand Dinge aus Holz, oder wir malten Steine an, um diese dann in der Nachbarschaft an „Kunstinteressierte“ zu verkaufen. Außerdem nahmen wir uns unglaublich gerne selbst mit einem Kassettenrecorder auf, ganze Show-Konzepte dachten wir uns dafür aus. Mit anderen Worten: Wir hatten am laufenden Band „originelle Ideen von Bedeutung“. Und genau das ist Robinsons Definition von „Kreativität“.

Fehler – ein gedankliches Konstrukt
Talent entfaltet sich dort, wo wir frei sind, Dinge auszuprobieren – ohne Gedanken an Gelingen oder Scheitern. Mit anderen Worten: „Wer nicht bereit ist, einen Fehler zu machen, wird nie etwas wirklich Originelles schaffen.“ (Ken Robinson).

Daraus ergibt sich das fatale Dilemma, weshalb sich Talententdeckung und Schule meistens ausschließen: Schulen sind Stätten, in denen es von Anfang an darum geht, in den Kategorien „richtig und falsch“ zu denken, und das Falsche – den Fehler – möglichst zu vermeiden. Wer wenig Fehler macht, wird belohnt, wer viele macht, bestraft. So ist es bis heute – selbst wenn die Belohnungen harmlos daherkommen und die Strafen subtil verpackt sein mögen.

Wie tiefgreifend Schule hier auf dem falschen Dampfer sitzt, wird klar, wenn man sich das Konzept des „Fehlers“ einmal genauer ansieht. Denn allein die Vorstellung, dass es „Fehler“ gibt, entpuppt sich aus größerer Perspektive als ein typisch menschliches Konstrukt, das uns enorm beschränkt.

Es gibt keinen Fehler
Der Begriff „Fehler“ ist eine Vorstellung, die gar nicht real existiert.
Ähnlich wie die Vorstellung von Ländergrenzen, Unternehmen, Geld und „Märkten“: All diese Dinge existieren nur in unseren Köpfen – nicht aber in der Realität. Wir können vom Weltraum aus keine Ländergrenzen sehen, und auch Firmen kann man nicht sehen bzw. anfassen. Sie sind abstrakte Vorstellungen von uns Menschen, und basieren auf ausgeklügelten Geschichten, die wir uns seit einigen Jahrhunderten immer wieder selbst erzählen  – es sind moderne Mythen (Yuval N. Harari in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“).

Auch „Fehler“ ist so ein Mythos, ein Konstrukt, das auf nichts als einer Geschichte basiert: Der Mär von „richtig“ und „falsch“.

In der Natur (oder der Biologie als solche) gibt es weder „richtig“ noch „falsch“, geschweige denn Fehler. Es gibt nur Abbiegungen, Wachstum und Weiterentwicklung. Auch wir Menschen können somit genau genommen gar keine „Fehler“ machen – denn wir sind Teil der Natur (1). Das heißt: Menschen entwickeln sich. So wie alles andere auch. Sie machen keine Fehler – sie können gar keine machen.

Schule und Fehler
Irrsinnigerweise basieren heute alle Schulsysteme weltweit auf dem Märchen, wir könnten Fehler machen, und dass dies, wo es nur geht, zu vermeiden sei.

Daher hat in den meisten Schulen Kreativität keinen Platz. Denn Kreativität bedeutet spielerisches Tun, um seiner selbst willen. Kategorien wie „richtig“ oder „falsch“; gewinnen und verlieren sind dabei völlig irrelevant. Die Zeit, die junge Menschen in der Schule verbringen (mit Unterricht, Klassenarbeiten etc.) hat daher absolut nichts mit Kreativität zu tun.

Als Lehrer/in mag man sich selbst beruhigen, in dem man sich sagt: Schule mag zwar unkreativ sein, aber ICH umgehe das, indem ich viele kreative Methoden in meinen Unterricht einbinde! So habe ich früher auch gedacht. Nur, so funktioniert es leider nicht. Denn das Gegenteil von Kreativität ist Methode.

Kreativität braucht absoluten Freiraum
Selbst wenn ich im Deutschunterricht „kreatives Schreiben“ einführe oder in Bio eine Verdauungs-Maschine basteln lasse – dies lässt meine Schüler/innen nicht wirklich kreativ werden oder ihre Talente entdecken. Kreativität kann man nicht lenken oder von außen erzeugen – sie bewegt sich nicht in vorgezogenen Bahnen.
Im Gegenteil: Peter Gray verweist in seinem Buch „Befreit Lernen“ auf eine Studie, die ergab, dass „jede Intervention, die den Anreiz, kreativ zu sein, erhöhen sollte, [dazu] führte, dass Kreativität  beeinträchtigt wurde.“
Und: „Man kann nicht kreativ werden, indem man sich einfach nur sehr, sehr stark bemüht. Kreativität ist ein Funke, der entsteht, wenn die geistigen Voraussetzungen genau richtig sind – und hohe Anreize scheinen diese Voraussetzungen durcheinanderzubringen.“ (P. Gray, 2003, S.117).

Schule, mit ihren Strukturen der Belohnung, verhindert somit Kreativität, wo es nur geht – selbst beim „kreativen Schreiben“.

Schüler sollen in Deutschklausuren ,„innere Monologe“ von Romanfiguren schreiben – in Prüfungen! Das sind Situationen, in denen es rein um Bewertung geht, und in diesem Setting sollen junge Menschen kreativ werden. Viel absurder geht es kaum.

Diktatur des Kopfes
Weltweit sind Schulsysteme ähnlich hierarchisiert, was die Fächer angeht, und die allermeisten favorisieren nicht den kreativen, fühlenden Ausdruck, sondern ausschließlich den Kopf: das abstrakte Denkvermögen. Mathe, Deutsch, Chemie und Co. – überall geht es um Analysen, um Rationalität, den kühlen Verstand. Und um die Dichotomie von „richtig“ und „falsch“. Wir plagen junge Menschen mit der Analyse von Gedichten – die doch eigentlich in Worte verpacktes Gefühl sind.

Wie sollen sich in so einem Setting Talente entfalten?

Es ist eine Diktatur des Rationalen, die auch der Psychoanalytiker Arno Gruen beklagt – und als Ausgangspunkt für die verkümmerte Empfindungsfähigkeit unserer Gesellschaft sieht.

Freies Spiel
Was für ein Glück meine Freundin und ich damals hatten mit unseren Nachmittagen nur für uns, wird mir erst heute klar, wo Schule, Hausaufgaben und andere Verpflichtungen immer mehr Raum einnehmen.
Die ernüchternde Bilanz lautet: „Wir haben Kinder in eine abnormale Umgebung gedrängt, in der von ihnen erwartet wird, immer längere Teile ihres Tags unter der Leitung von Erwachsenen zu verbringen, an Tischen sitzend, Dinge hörend und lesend, die sie nicht interessieren, und Fragen beantwortend, die nicht wirklich ihre Fragen sind.“ (P. Gray)

Die Folgen? In meinem Beruf erlebe ich heute schon 12jährige mit Burn-Out, Antriebslosigkeit und Depressionen – wie z.B. Lasse, der erst aufblühte, als ich rein zufällig an seiner Talent-Tür klopfte. Die Tatsache, dass jedes zweite Kind in Europa heute chronisch krank ist – bei „größtmöglichem medizinischem Fortschritt“ (M. Hüther) – muss Ursachen haben.

Ganztagsschulen – eine Mogelpackung
Lasse ging – wie die meisten der von mir betreuten Schüler – in eine straff durchgetaktete Ganztagsschule (in Hamburg sind 96% aller Schulen Ganztagsschulen). An diesen Schulen bleibt wenig Zeit für „originelle Ideen von Bedeutung“ – denn bis 16:00 ist der Stundenplan voll (2). Mit so genannten „Wahlpflichtfächern“ wird suggeriert, es gebe doch Raum für die eigenen Interessen und die eigene Entfaltung – doch echte Wahlfreiheit besteht hier keineswegs, sind doch die Inhalte auch dieser Kurse von der Schule vorgegeben.

Dabei brauchen Kinder und Jugendliche für ihr Wohlergehen vor allem eins: Freiheit. Peter Gray hat zu „freiem Spiel“ enorm viel geforscht, und er sagt:
„Ein Mangel an freiem Spiel (…) hemmt die mentale Entwicklung. (…) Freies Spiel ermöglicht es, Freundschaften zu schließen, Ängste zu überwinden, Probleme zu lösen und insgesamt die Kontrolle über das eigene Leben zu übernehmen. (…) Das, was Kinder durch eigene Initiative in freiem Spiel lernen, lässt sich nicht auf andere Weise vermitteln — auch nicht durch ,Qualitätszeit‘ oder besonderen Unterricht.“

Das Worst Case Scenario
Die Ausweitung der Ganztagsschulen, die in vielen Bundesländern gerade eifrig vorangetrieben wird, halte ich vor dem Hintergrund all dieser Erkenntnisse für eine der schlechtesten schulpolitischen Idee überhaupt.

Mit Ganztagsschulen lügen wir uns in die eigene Tasche – denn sie führen die wissenschaftlich erwiesene Tatsache, dass Kinder durch freies Spielen am nachhaltigsten lernen, ad absurdum.

Die deutschlandweite Ausweitung der Ganztags-“Angebote“ (die in Wahrheit kaum mehr Angebote sind), zeigt das allgegenwärtige Misstrauen in die Fähigkeiten junger Menschen und führt in der Konsequenz zu einer flächendeckendenden Talent-Verhinderung.

Die Vorstellung, dass Lehrende in ihren Klassen mit bis zu 30 Kindern und vorgegebenem Lehrplan jede(n) individuell in seinem/ihrem Talent fördern könnten, halte ich aus eigener Erfahrung für unmöglich. Und so veröden Millionen Talente jedes Schuljahr aus Neue, weil niemand sie entdeckt und es auch gar keine Gelegenheit gibt für ihre Entdeckung.

Wo besteht in Schule ernsthaftes Interesse und Raum für die Lieblingsbeschäftigungen junger Menschen? In der Tat scheint niemand darauf aus zu sein, die damit verbundenen Talente zu entdecken – denn sonst würde man Kindern und Jugendlichen viel mehr Freiraum zugestehen, als sie heute zur Verfügung haben.

Das System der Ganztagsbetreuung – Gift für Talente
Das System der Ganztagsbeschulung tut so, als würde es junge Menschen optimal fördern und „nebenbei“ auch noch den Erwachsenen helfen: Eltern können trotz der Existenz von Kindern Vollzeit berufstätig sein, also Geld verdienen, während der Nachwuchs in der Schule extra Unterricht erhält, um damit noch besser auf das zukünftige Leben und seine Herausforderungen vorbereitet zu sein.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Schulen werden durch den Ganztags-Wahnsinn zu Verwahr-Stationen, die jungen Menschen wichtige persönliche Entwicklungsschritte vorenthalten, welche sie nur durch freie Zeit und freies Spielen machen können. Und dass viele Eltern heute Vollzeit arbeiten, liegt nicht unbedingt daran, dass sie alle so unfassbar gerne arbeiten, sondern auch daran, dass die Lebenserhaltungskosten derart in die Höhe geschnellt sind, dass es kaum mehr anders geht.
Doch darüber spricht von staatlicher Seite aus niemand.

Stattdessen wird suggeriert, dass in der Bevölkerung sogar ein Bedarf an Ganztagsschulen bestehe:
„Wie in den Vorjahren wird die steigende gesellschaftliche Bedeutung schulischer Ganztagsangebote in Deutschland hervorgehoben. Als Ursachen dafür werden der hohe Bedarf nach ganztägiger Betreuung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die durch PISA angeregte Diskussion über die besten Rahmenbedingungen für schulisches Lernen gesehen.“ (www.ganztagsschulen.org)

Die dahinter liegenden Mechanismen, die viele Menschen verzweifeln lassen an der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, und die absolute Absurdität von Vergleichsstudien wie PISA (dazu mehr in meinem Text „Schädliche Standards“) bleiben außen vor.

Fatale Trugschlüsse der Ganztagsbetreuung
Keine Ganztagsschule dieser Welt kann die Zeit des freien Spielens von jungen Menschen ersetzen. Auch, wenn die Beschreibung der KMK noch so euphemistisch klingen mag:
„Ganztagsschulen tragen der Heterogenität der Schülerschaft Rechnung, da Kinder und Jugendliche mit unterschiedlicher Voraussetzungen Zeit miteinander verbringen und gemeinsam lernen. (…) Dabei reicht die Unterstützung weiter, denn durch die Teilnahme an schulischen Ganztagsangeboten werden die Schülerinnen und Schüler im Sinne ganzheitlicher Bildung nachhaltig in ihrer Entwicklung von kognitiven und sozialen Kompetenzen gefördert. (…)“

Ich sehe das grundlegend anders. Keine mir bekannte Art von Unterricht – sei es frontal oder kooperativ, sei es problemlösend oder als „Stationenlernen“ organisiert  – vermag das zu vermitteln, was junge Menschen sich gegenseitig beim freien Spielen – ohne das „Zutun“ von Erwachsenen – aneignen.  Und: Es liegt nicht in unserer Macht, Kinder und Jugendliche dazu zu bringen, gemeinsam und voneinander zu lernen, indem wir sie in „heterogenen Lerngruppen“ zusammensetzen, und sie werden keine „kognitiven“ und „sozialen Kompetenzen“ ausbilden, nur weil wir das „Anti-Drogen“ Training noch in die 8.Stunde Politikunterricht gepackt haben. Stattdessen werden rund-um-die-Uhr beschulte Kinder und Jugendliche ihre eigene Kreativität aufgeben – ja später sogar leugnen, je kreativ gewesen zu sein, und nichts von ihren Talenten wissen.

Sie werden Jobs ergreifen, die nichts mit ihnen und ihren eigentlichen Fähigkeiten zu tun haben, und sich mitunter zeitlebend für nicht besonders talentiert halten. Ein fataler Trugschluss, der unsere Gesellschaft noch teuer zu stehen kommen wird.

Gibt es Alternativen?
Ich verstehe, dass Eltern diese düsteren Aussichten in Aufruhr bringen – denn viele sind jobbedingt angewiesen auf eine Ganztagsbetreuung ihrer Kinder.

Dabei gäbe es Möglichkeiten, die wir nur im Moment nicht zu denken wagen. Schulen könnten sich zum Beispiel nachmittags öffnen, wortwörtlich: Kein Unterricht, keine Zwangsbeschulung, sondern offene Türen, so dass die jungen Menschen frei ihrer Wege gehen können. Die Lehrer/innen bleiben im Schulgebäude, sind ansprechbar, haben idealerweise ihre eigenen Büros, in denen sie für sich arbeiten können. Ihre Schüler/innen könnten sie jederzeit aufsuchen, und hätten so die Gewissheit, stets einen sicheren Ort als „Back-Up“ bei Problemen zu haben.

Solchen Modellen steht eigentlich nur eins im Wege: die Ängste der Erwachsenen und das Hinnehmen dessen, was uns weis gemacht wird.
Dabei müssten der Frage, ob man Kinder und Jugendliche alleine „ziehen“ lassen darf, auch in einer Großstadt, ganz andere Fragen vorausgehen:
Wird die Welt bzw. meine Stadt wirklich immer gefährlicher? In welchem Verhältnis steht unser Sicherheitsdenken zu dem Schaden, den Kinder und Jugendliche durch die Vollzeit-Beschulung erleiden? Wo ist eigentlich unser Vertrauen in Kinder und Jugendliche hin?
Heute will keiner mehr etwas falsch machen. Auch Lehrer/innen nicht. Da hat die Schule wirklich ganze Arbeit geleistet – die Angst vor Fehler steckt uns allen in den Knochen.

Warum ist Freiheit für junge Menschen so wichtig?
Das eigene Bestimmen darüber, wie man seine Zeit verbringt, beflügelt. Wenn wir uns Biographien anschauen von „Überfliegern“ wir Elon Musk oder Microsoft-Gründer Bill Gates, dann sehen wir, dass diese Menschen schon als Kinder Freiräume für eigene Interessen hatten. Musk verbrachte viel Zeit in Bibliotheken mit Büchern zu Physik und Informatik, Bill Gates‘ Eltern erlaubten ihrem Sohn schon mit 13, nachts die Universität von Washington zu besuchen, um die Computer dort zu nutzen (der Artikel dazu hier).

Freiheit und Spielen bringen das Beste in jungen Menschen zum Vorschein. „Im Spiel lösen Vierjährige mühelos Logikprobleme, denen sie eigentlich erst ab einem Alter von zehn oder elf Jahren gewachsen sein sollten.“ (P. Gray). Spielen ermöglicht Kreativität, weil es ohne Anreize von außen – also ohne Belohnungen, Bewertungen, Lob und Kritk – auskommt.

Frei gestaltbare Zeit schafft Raum für persönliche Entwicklung und Entfaltung. Ein Experiment mit „schwer erziehbaren“ Jungen aus den USA zeigte, wie diese, nachdem sie vom Unterricht befreit wurden, und man ihnen stattdesssen ermöglichte, sich selbst frei in ihren Interessen weiter zu bilden, sich ungeahnt positiv entwickelten: „They took the worst boys they could find and stopped teaching them in a classroom.” (Artikel auf Englisch in „Psychology today“)

Die Sorge, dass Kinder und Jugendliche, wenn sie allein gelassen werden, nur vor dem TV, Smartphone oder Computer sitzen würden, entspricht nicht der Realität. In einer großangelegten amerikanischen Studie von „Family, Kids and Youth“ (2010), in der Kinder selbst nach ihren Spielvorlieben gefragt wurden, schnitt das Spielen draußen mit Freunden am besten ab, 89% der Kinder sagten, sie würden lieber draußen spielen als fernzusehen.
Dass viele Teenger heute viel Zeit am Computer verbringen, könnte auch daher rühren, dass dies der einzige Ort ist, an dem sie frei und ohne Aufsicht von Erwachsenen spielen können.

Was können wir tun?
Was können Lehrende tun? Einiges. Angefangen bei dem Verzicht auf Hausaufgaben, der größtmöglichen Reduktion von Prüfungen und Tests, sowie dem Credo, niemals Pausen zu kürzen oder gar wegzunehmen, bis zum aktiven Gewähren von Freiheiten, d.h. den größtmöglichen Raum geben für eigene Interessen, Denkweisen von „richtig““ und falsch“ ablegen, Spielen nicht abwerten, Eltern und Kollegen darüber aufklären, wie essentiell freie Zeit für ihr Kind ist.
Freies Spielen ist keine Zeitverschwendung. „Lernen, Kreativität und Problemlösungsfähigkeit werden durch alles gefördert, was einen spielerischen Geisteszustand begünstigt. Und sie werden durch Bewertung, die Erwartung von Belohnung und alles gehemmt, was einen spielerischen Geisteszustand zunichte macht.“ (P. Gray, S.120)

„Life is not linear, it’s organic.“
Solange wir weiterhin in Kategorien wie „richtig“ und “falsch“ denken, und junge Menschen viele Stunden täglich mit Inhalten aus standardisierten Lehrplänen „beschallen“, werden wir Bildung als Modell der Herstellung verstehen: als Industrie.
Die Entwicklung eines Menschen ist jedoch kein industriell-lenkbarer Prozess, sondern ein organischer. Wir können ihn nicht kontrollieren, sondern nur die Bedingungen schaffen für gesundes Wachstum.
Das heißt erstens: Wir sollten nicht nur dringend die Lehrpläne abschaffen, sondern auch Alternativen zu Ganztagsschulen finden. Und zweitens: Wir Lehrende müssen uns viel offener zeigen für die „Schätze“, die junge Menschen mitbringen – wie das Talent von Lasse, Geschichten zu erzählen. Dazu gehört, möglichst viel freien Raum zu geben, in dem junge Menschen das tun können, was sie am liebsten tun.

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(1) Franz Ruppert: „,Um-Welt‘ — bereits dieser Begriff enthält meiner Ansicht nach eine Anmaßung, weil ich mich als Mensch in den Mittelpunkt der ,Welt‘ setze. (…) Wenn ich hingegen von mir und meiner Mit-Welt spreche, wechsle ich immerhin die Perspektive und sehe mich als Teil einer ,Welt‘, die mir das Leben ermöglicht und in der ich umgeben bin von Lebendigem, mit dem ich im Zusammenhang lebe.“ Hier der Artikel dazu.

(2) siehe hierzu auch die 37-Grad Doku „Schüler in der Leistungsfalle“

 

 

One Reply to “Die Talent-Friedhöfe”

  1. Hallo Linda,
    dem gibt es im Grunde nicht mehr viel hinzuzufügen. Genau so ist es! Und genau darum geht es auch in Henning Becks Buch „Irren ist nützlich.“ Das wirkliche Denken im Sinne von gründlich reflektiertem Denken, das lernen wir nicht in der Schule (die Rahmenbedingungen geben es ja auch nicht her). Aber nur das bringt uns wirklich voran, wenn wir Beanstandenswertes – in welchem Zusammenhang/Kontext auch immer – verbessern wollen.

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