Bejahen statt leugnen
Was können wir also tun? Wir können schlimme Gefühle nicht abstellen oder von jetzt auf gleich machen, dass es dem Betreffenden besser geht. Aber wir können andere Menschen sehen und begleiten, in dem wir ihre Gefühle bejahen, anstatt sie zu verleugnen.

Auf dem Blog „terrorpüppi“ („Gefühle aushalten! Kinder spiegeln!“) heißt es dazu:
„Eine Spiegelung [Bejahung] von Gefühlen ist notwendig, damit ein Kind [/Mensch] sich selbst mit seinen Gefühlsstürmen zu verstehen und zu regulieren lernt. Das Spiegeln ist auch eine der wesentlichen (schulenübergreifenden!) Methoden in der Psychotherapie, weil Menschen sich dadurch in ihren Gefühlen von anderen verstanden fühlen. Nur, wenn der Eindruck entsteht, dass das Gegenüber einen emotional überhaupt zu verstehen versucht und im besten Fall auch versteht, kann so etwas wie Veränderung stattfinden.“

Diese Bejahung bzw. Spiegelung könne so aussehen: „Oh, du bist jetzt ziemlich traurig/ neugierig/ glücklich/ zufrieden/ fühlst dich unverstanden/ wütend etc.“
Darauf können Menschen verbal oder nonverbal reagieren: entweder mit einem „Nein, es fühlt sich anders an!“ oder aber mit einem erleichterten: „Ja, so ist es.“ Wenn die Spiegelung passt, kann der Körper sich entspannen und Gefühle fließen: „Da versteht mich jemand und fühlt mit mir“. Denn dann spüren wir instinktiv: Ich bin richtig, und meine Gefühle sind in Ordnung.

Sätze hingegen wie „Du ziehst ja schon wieder so eine Schnute“ oder „da stellst du dich jetzt bockig an“ seien keine Spiegelungen, weil sie das Gefühl des Kindes nicht aufgreifen, sondern bewerten, ohne es zu verstehen. „Sie stoßen das Kind in seinem wie auch immer gearteten Gefühl zurück.“

Bei „Terrorpüppi“ heißt es weiter: „(…) Das [Spiegeln] kann manchmal ganz schön schwierig sein, weil sich manchmal eigentliche Gefühle hinter etwas anderem verstecken. Manche neigen zur Wut, wo sie doch eigentlich traurig sind.“ Hier helfe aufmerksames Beobachten und aufrichtiges Interesse.

Jesper Juul war offenbar ein Meister darin, wie sich ein Journalist erinnert: „Ihnen geht es heute aber nicht so gut“, meinte er [Juul] [zu mir] bei der letzten Begegnung. Ein paar Takte waren erst gesprochen, (…). Und plötzlich dieser Satz im freundlichen dänischen Akzent, dazu ein zugewandter Blick, (…). Typisch Jesper Juul (…) Ohne zu fragen, wie es einem geht, erfährt er es.“ („Der Beobachter“, Süddeutsche/Sz.de).

Denken wir nun zurück an die Beispielsituation mit Anna auf dem Flur nach der Prüfung. Oder an die Situation im Krankenhaus. Wie hätte ich Anna noch begegnen können? Vielleicht so: „Oh, ich schätze, du ärgerst dich, wie die Prüfung gelaufen ist. Du bist jetzt ziemlich enttäuscht, kann das sein?“
Und die Krankenschwester in der Klinik? Sie hätte sagen können: „Ohwei, du hast ganz dolle Schmerzen. Und dann auch noch die vielen fremden Menschen hier, die an dir rumdrücken und dich untersuchen, das muss schlimm sein für dich.“

Was Ärzte/innen und Lehrer/innen gemeinsam haben (sollten)
Kürzlich hatte ich wieder einen Arzttermin in einer Klinik. Angespannt saß ich im Wartezimmer – ich hatte mir genau zurechtgelegt, was ich der Ärztin sagen wollte. Doch im Untersuchungszimmer brachte ich keinen geraden Satz zustande – eine Traumafolge.
Als die feinfühlige Ärzte kurz vor der Untersuchung zögerte und mich fragte: „Wie kann ich Ihnen ihre Angst nehmen?“ Erst da ließ die Anspannung nach. Denn sie benannte, was ich fühlte: Angst.

Wir alle – egal ob Ärzte/innen oder Lehrer/innen – können aktiv dazu beitragen, dass Menschen sich nicht ohnmächtig und ausgeliefert fühlen, sondern gesehen und respektiert.
Statt victim blaming zu betreiben, können wir mit anderen Menschen, vor allem denen, die auf uns angewiesen sind, auf Augenhöhe kommunizieren, das heißt sie ernst nehmen in ihren Gefühlen, Ängsten und Nöten, diese bejahen und nicht leugnen.

Jeder mag Ärzte, die geduldig sind, die sich Zeit nehmen, die zuhören und ihre Gedanken mit uns teilen. Die Behandlungen vorschlagen, anstatt einfach nur Diagnosen zu stellen, OP-Termine zu vereinbaren und Medikamente zu verschreiben – ohne dass wir wissen, was da auf uns zukommt.

Und das gleiche trifft auf Lehrer/innen zu: Wir können mit jungen Menschen ernsthaft interessiert sprechen, anstatt Diagnosen zu stellen und Therapien vorzuschlagen. Wir können uns Zeit nehmen und genau beobachten. Wir können Schüler/innen erklären, was wir ihnen gerne heute im Unterricht zeigen würden, und warum – und sie somit darauf vorbereiten, was da auf sie zukommt.
Ja, wir können sogar um Erlaubnis fragen: „Darf ich dir das (mit der Bruchrechnung) nochmal erklären?“ „Magst du meine Gedanken zu deiner Geschichte hören?“ „Ist das ok, wenn ich dir Feedback gebe zu deinem Text?“ – anstatt sie permanent ungefragt zu belehren. Genau wie Ärzte fragen sollten: „Ist das okay, wenn ich Sie dort anfasse?“ anstatt einfach zu machen.

Das Übergehen der Gefühle anderer ist leicht und entspricht dem kapitalistischen Effizienz-Denken: Es spart Zeit und erleichtert die eigene Arbeit! Wenn man dann auch noch den anderen beschuldigen kann, sich „blöd anzustellen“, wird es sogar noch einfacher! Rücksichtslos sein geht schnell und ist in unserer heutigen Gesellschaft immer noch in vielen Bereichen an der Tagesordnung.
Doch auf diese Weise verlassen wir garantiert niemals das (re)traumatisierende Karussell der Täter-Opfer-Dynamiken, das weltweit Leid und Gewalt verursacht. Wenn wir uns als menschliche Wesen weiterentwickeln und psychisch gesund bleiben wollen, dann heißt es: hingucken und mitfühlen statt weggucken und beschuldigen.

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Bild von Vince Fleming auf unsplash

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