„Ihr macht mir das Leben schwer“
Auch vermeintliche Opfer-Sätze wie „Könnt ihr denn nicht einmal eure Ruhe geben?! Mit euch hat man es echt nicht leicht!“, gerichtet von Lehrer/innen oder Eltern an Kinder, sind victim blaming: Man unterstellt den Kindern bzw. Schüler/innen, sich mit Absicht laut oder störend zu verhalten, um den Erwachsenen das Leben schwer zu machen, und leugnet dabei, wie es wirklich ist:

Wenn Kinder „stören“, dann deswegen, weil die Situation für sie schmerzhaft oder sogar unerträglich ist. „Wenn Menschen nicht gehört werden, haben sie die Tendenz, die ,Laustärke‘ aufzudrehen“, schreibt Jesper Juul in diesem lesenswerten Beitrag hier. Und: „[Die] Aggression des Kindes ist eine klare Botschaft, die besagt: Ich habe Schmerzen und fühle mich verloren.“

Dass dies an Schulen täglich passiert – dass Schüler/innen keine Ruhe geben, sondern „stören“ – ist daher kaum verwunderlich, sind Schulen doch meist Orte, an denen junge Menschen gezwungen sind, viele Stunden am Tag stillzusitzen und Arbeitsanweisungen zu befolgen. Sie sind hier also die Opfer – und nicht die Erwachsenen. Was ihnen selbst aber meist gar nicht bewusst ist – sie kennen es ja nicht anders.

Wie man Schüler/innen Schuldgefühle macht
Ich erinnere mich noch an eine strenge Französisch-Lehrerin von mir, die sich häufig so sehr über uns lebhafte und quasselnde Siebtklässler aufregte, dass sie einen hochroten Kopf bekam, während sie schimpfte, ermahnte und Strafen verteilte. Einige Jahre später erfuhr ich, dass sie mit knapp 50 an einem Herzinfarkt gestorben war – was mich nicht wunderte, in mir aber leichte Schuldgefühle hervorrief. Hatten wir nicht unseren Teil dazu beigetragen, indem wir so ungezogen gewesen waren?

Die Antwort darauf lautet: Nein. Die Lehrerin war für sich und ihre Gesundheit selbst verantwortlich, und kein anderer Mensch – erst Recht nicht wir schulpflichtigen Kinder – waren daran Schuld. Doch indem sie uns Sätze mit auf den Weg gab wie „Immer macht ihr mir das Leben schwer“, „Euch kann man kaum unterrichten“ und „Ihr seid die schlimmste Klasse seit Jahren“ flößte sie uns Schuldgefühle ein: Victim blaming in the making.

Es gibt keine übertriebenen Gefühle
Niemand fühlt oder benimmt sich mit Absicht schlecht. Erst Recht nicht Kinder. Kürzlich fand ich diesen dazu passenden Post:
„Glücklich sein ist ein großes Wort. Für Kinder ist es der Ur-Zustand. (…) Eine Voreinstellung sozusagen. Sie sind einfach so grundlos glücklich, bis sie sich mit dem kleinen Bruder streiten und kurz weinen, um dann sofort wieder in ihren natürlichen Grundzustand zu wechseln. (…) Sie ärgern sich über dich und schreien los, was das Zeug hält, um danach sofort wieder – Zack – glücklich zu sein.“ (Alexandra Köhler / „Die Kinderflüsterei“)

Wenn junge Menschen wiederkehrend destruktive Gefühle zeigen, dann liegt dem etwas zu Grunde, was sie allein nicht bewältigen können. Indem wir das mit Titeln wie „verhaltensauffällig“ versehen, Schüler tadeln und schlechte Noten fürs „Arbeits- und Sozialverhalten“ geben, wechseln wir selbst in die Täterrolle.

Die Emanzipation von Zuschreibungen
Ein anderes Beispiel dazu aus der Geschichte: Jahrhundertelang ging man davon aus, dass, wenn Frauen sich „unpassend“ verhielten, zum Beispiel um sich schlugen, laut wurden oder sich (in den Augen männlicher Ärzte) „obszön“ verhielten, mit ihnen etwas nicht stimmen könne: Sie wurden als „Hysterikerin“ abgestempelt und damit zu Täterinnen gemacht . Erst in den 50ern, als Frauen im Zuge des Feminismus gegen ihre Unfreiheit aufbegehrten und sich emanzipieren konnten von männlichen Zuschreibungen, wurde Hysterie als „männliche Pseudodiagnose“ entlarvt (Sandra Konrad in „Das beherrschte Geschlecht“).

Genauso wollen „verhaltensauffällige“ Kinder und Jugendliche uns etwas Wichtiges mitteilen – nämlich, dass sie in Not sind, dass sie aufbegehren und gehört werden wollen. Wenn wir (Erwachsenen) aber die Wirklichkeit mit Worten so verdrehen, dass es so aussieht, als wären die Kinder die „Hysterischen“, die mit ihren starken Emotionen übertreiben und überdramatisieren, dann verkennen wir, wer hier Täter und wer Opfer ist.

Junge Menschen können diese Verdrehung in der Regel nicht durchschauen – sie reagieren mit Schuldgefühlen, werten sich selbst ab und fühlen sich schlecht. Vielleicht fühlen sie, dass hier etwas ganz gehörig nicht stimmt, und dass sie ungerecht behandelt werden – aber diese Gefühle dürfen nicht sein. Denn: Kinder sind auf Gedeih und Verderb auf uns angewiesen, allein schon aufgrund ihres Alters und ihrer existenziellen Abhängigkeit. Sie lieben ihre Eltern bedingungslos, und sie wollen sich gut stellen mit ihren Lehrer/innen. Daher liegt es an uns Erwachsenen, diese Dominanz nicht auszunutzen und bedacht mit unseren Worten umzugehen.

Verunsicherung und Selbstverleugnung
Wer oder was auch immer der Auslöser ist für destruktive Aggressionen, Tränen, Missmut oder Ärger – es ist weniger wichtig, diesen Auslöser genau zu kennen, als vielmehr anzuerkennen, dass es diesen Auslöser gibt – und dass daher JEDES Gefühl begründet und legitim ist (wie das Gefühl ausagiert wird, ist dann nochmal etwas anderes).

Manchmal unterstellen wir (Erwachsenen) jedoch, dass junge Menschen absichtlich ein Drama wegen Nichtigkeiten machen, nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder wir fürchten, dass sie uns (z.B. mit ihren Tränen) „weichspülen“ wollen, nur, damit wir „kleinbei“ geben.
Klingt absurd? Genau in diese Richtung denken sogar manchmal Psychologen in Kinder- und Jugendkliniken: „Die will nur Aufmerksamkeit“, „der will nur provozieren“, „die stellt sich extra an“ (wie man z.B. in der Doku „Elternschule“ sieht).

Wenn wir Kindern und Jugendlichen solche Absichten unterstellen, leugnen wir, dass es einen legitimen – wenngleich nicht immer sofort ersichtlichen – Grund für ihr Verhalten und ihre Gefühl gibt. Unterschwellig warf auch ich Anna vor, sich (mit Absicht) nicht genügend zu freuen – ohne einen legitimen Grund.
Das können wir natürlich so machen – dann zweifeln (junge) Menschen jedoch an sich und ihrer Wahrnehmung, werden verunsichert, spalten ihre unerwünschten Gefühle ab und verleugnen sich irgendwann selbst. Das ist das Rezept für Gefühlskälte, Desorientierung und (blinden) Gehorsam: Menschen, die nicht wissen, was mit ihnen los ist und warum sie sich innen so leer fühlen, aber beteuern, dass das alles nicht so schlimm gewesen sei.

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