Strafen gehören einfach zum Leben dazu: Wer etwas Verbotenes macht, der wird bestraft. Schließlich muss sich eben jeder Mensch, ob groß, ob klein, an bestimmte Regeln halten. Vor allem in der Schule! Gerade die jungen Leute müssen da mal Grenzen gesetzt bekommen! Und wer sich nicht an die Spielregeln hält, der muss spüren, dass das so nicht geht!
Und Prost!
Ich habe die Nase voll von derartigen Parolen, die nun auch in Österreich nach dem Vorfall an einer Schule in Wien wieder lauter werden.
Wollten wir in Schulen nicht mit jungen Menschen zusammen arbeiten? Dann ist Strafenverhängen und der Ruf nach härteren Maßnahmen so ungefähr das Schlechteste, was wir machen können.

Regeln und Regelverstöße
Das soll hier kein Pamphlet gegen Regeln werden. Bestimmte Regeln sind nützlich; zum Beispiel als Vereinbarung, zu welcher Uhrzeit der Unterrichtstag beginnt, oder wann man gemeinsam Pause macht.
Andere Regeln halte ich hingegen für bedenkenswert. Zum Beispiel Regeln wie: „Wir schreien uns nicht an“,  „wir hauen uns nicht“, oder „wir zerstören nicht mutwillig das Eigentum anderer.“

Wenn ich als Kind, Jugendlicher oder auch als Erwachsener laut werde, jemanden haue oder etwas zerstöre, hat das Gründe.
Die hinter so einem Verhalten liegenden Gründe, Impulse und Bedürfnisse lassen sich nicht durch Regeln „wegmachen“ oder eindämmen. Im Gegenteil macht es das Ganze sogar schlimmer, wenn ich mich in einem solchen Fall auf Regeln und auf die drohende Strafe bei Regelbruch beziehe.

Zerstörungswut und Strafen
Ich hatte einen Schüler, Jens, der während einer unserer Abschlussprüfung einen Wutanfall bekam, aus dem Klassenraum stürzte und die Tür mit solcher Wucht hinter sich zuschlug, dass sie aus den Angeln flog.

Ja, Schuleigentum war zerstört. Ja, man darf eigentlich in Prüfungen nicht ungefragt rausrennen. Ja, andere Schüler wurden kurzzeitig durch Jens‘ Wutausbruch abgelenkt. Ja, meine Kollegin und ich haben uns erschrocken.

Und? Hätten wir ihm hinterherrufen sollen: „Aber Jens, du weißt doch, dass du nicht Gegenstände der Schule zerstören darfst!“?
Jens war in dem Moment außer sich, und seine Impulskontrolle gleich null. Er war dann auch erstmal verschwunden, lief draußen umher. Nach 15 Minuten kam er wieder, entschuldigte sich, und schrieb die Prüfung zu Ende.

Als ich anderen Leuten von diesem Vorfall erzählte, fiel häufig als erstes der Satz: „Aber für sein Verhalten muss er doch bestraft werden! Das muss doch Konsequenzen haben!“

Jens‘ Verhalten hatte natürlich Konsequenzen. [Strafen sind übrigens nicht das gleiche wie Konsequenzen, dazu hier mehr.]
Nämlich einmal die, dass die Tür repariert werden musste, und meine Kollegin darüber mit seinen Eltern sprach. Und mit Jens natürlich.
Die andere Konsequenz waren unangenehme Gefühle von Scham und Reue, die sich bei dem Jungen eingestellt haben. Und ich bin mir sehr sicher, dass er sich für sein Verhalten geschämt hat.
Aber er hat auch enorme Reife gezeigt, indem er es geschafft hat, über seinen Schatten zu springen, wieder zurückzukommen und sich zu entschuldigen. Diese Größe muss man erstmal haben.

Wir hätten nun eine große Sache daraus machen können. Disziplinarkonferenz, Schulordnung abschreiben usw. (wir haben aber Gott sei Dank gar keine Schulordnung). Wie man das eben so macht.
Aber wozu das Ganze? Wem hätte das etwas gebracht?
Hätte es andere Schüler abgeschreckt? Hätte es Jens in seiner Entwicklung geholfen?

Fehlverhalten
Wenn wir Schüler/innen bestrafen, gehen wir davon aus, dass es „richtiges“ Verhalten und „Fehlverhalten“ gibt. Was genau unter „Fehlverhalten“ zu verstehen ist, ist für uns Erwachsenen klar: Nicht nur die Schädigung von anderen (Gewalt, Beleidigungen) und mutwillige Zerstörung, auch die Störung unserer Unterrichtszeit, z.B. durch ständiges Dazwischenreden oder die Versäumnis des Unterrichts (Schwänzen) gehören dazu. Sogar Hausaufgaben-nicht-machen oder sich-nicht-am-Unterricht-beteiligen bestrafen wir.

Strafen machen das Leben (einer Lehrkraft) zumindest kurzzeitig einfacher. Wir können bei Verhalten, das uns stört oder bestimmte (Schul-)Regeln bricht, bestrafen, wie z.B. durch Nachsitzen, Extra-Aufgaben, schlechte Noten, Suspendierung usw. Und damit hat sich das „Problem“, zunächst jedenfalls, für uns erledigt.

„Wer nicht hören will, muss fühlen!“, „Kinder und Jugendliche brauchen Grenzen!“, „Sie müssen lernen, dass das so nicht geht“. Das alles sind Phrasen, die ich früher mit unterschrieben hätte – die aber tatsächlich dazu da sind, dass wir uns hinter ihnen verstecken können, und die sich nicht im Geringsten damit befassen, was denn hinter dem Verhalten unserer Schüler/innen steckt; geschweige denn damit, was hinter unserem Wunsch steckt, dass Schüler/innen sich auf bestimmte Weise verhalten sollen.

2 KOMMENTARE

  1. Die Betrachtungen von Linda zu lesen, ist für mich als 80-Jähriger immer wieder ein Zuckerl, obwohl ich mit Schule nichts am Hut habe. Vielleicht auch gerade deshalb, weil meine geistig innere Datenbank alle Berichte, die mich über das Phänomen Schule erreichen, nicht in die Rubrik Bildung ablegt, sondern der Sparte Kriegsberichterstattung zuordnet.
    Dort erscheint Schule als ein Schlachtfeld auf dem, wie auf Schlachtfeldern üblich, die Wahrheit als Erstes stirbt. Weil sich dort das seltene Bündnis zwischen Lehrern und den heiligen Seelen von Kindern, die aus Liebe die Welt betraten, um diese in die Kultur zu transformieren, gegen die Demagogie der institutionalisierten Arroganz der Bildungsaristokratie behaupten muß. Diese ist der wahre Aggressor auf dem Schlachtfeld, dessen Absicht es nach wie vor ist, die angeborene Sehnsucht nach Liebe und Verbundenheit, ihren uralten Machtatitüden zu unterwerfen. Dazu braucht der Aggressor Bestrafung, Diszipinierung, Erpressung und das ganze Lügengebäude seiner Rechfertigungs-Demagogie. Nicht der Schüler, der die Tür vor dem ideologischen Bombardement seiner Geiselhaft zuschlug, sollte sich zu bußfertiger Einsicht aufgerufen fühlen, sondern die Arroganz der Macht, die nicht in der Lage ist, Bildung von Psychoterror zu unterscheiden.

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