Strafe muss sein! Oder? (Teil I)

Warum Bestrafen das Schlechteste ist, was du als Lehrer/in machen kannst
Strafen gehören einfach zum Leben dazu: Wer etwas Verbotenes macht, der wird bestraft. Schließlich muss sich eben jeder Mensch, ob groß, ob klein, an bestimmte Regeln halten. Vor allem in der Schule! Gerade die jungen Leute müssen da mal Grenzen gesetzt bekommen! Und wer sich nicht an die Spielregeln hält, der muss spüren, dass das so nicht geht!

Und Prost!

Ich habe die Nase voll von derartigen Stammtisch-Parolen, die nun auch in Österreich nach dem Vorfall an einer Schule in Wien wieder lauter werden.
Wollten wir in Schulen nicht mit jungen Menschen zusammen arbeiten? Dann ist Strafenverhängen und der Ruf nach härteren Maßnahmen so ungefähr das Schlechteste, was wir machen können.

Regeln und Regelverstöße
Das soll hier kein Pamphlet gegen Regeln werden. Bestimmte Regeln sind nützlich; zum Beispiel als Vereinbarung, zu welcher Uhrzeit der Unterrichtstag beginnt, oder wann man gemeinsam Pause macht.
Andere Regeln halte ich hingegen für bedenkenswert. Zum Beispiel Regeln wie: „Wir schreien uns nicht an“,  „wir hauen uns nicht“, oder „wir zerstören nicht mutwillig das Eigentum anderer.“

Wenn ich als Kind, Jugendlicher oder auch als Erwachsener laut werde, jemanden haue oder etwas zerstöre, hat das Gründe.
Die hinter so einem Verhalten liegenden Gründe, Impulse und Bedürfnisse lassen sich nicht durch Regeln „wegmachen“ oder eindämmen. Im Gegenteil macht es das Ganze sogar schlimmer, wenn ich mich in einem solchen Fall auf Regeln und auf die drohende Strafe bei Regelbruch beziehe.

Zerstörungswut und Strafen
Ich hatte einen Schüler, nennen wir ihn Max, der während einer unserer Abschlussprüfung einen Wutanfall bekam, aus dem Klassenraum stürzte und die Tür mit solcher Wucht hinter sich zuschlug, dass sie aus den Angeln flog.

Ja, Schuleigentum war zerstört. Ja, man darf eigentlich in Prüfungen nicht ungefragt rausrennen. Ja, andere Schüler wurden kurzzeitig durch Max‘ Wutausbruch abgelenkt. Ja, meine Kollegin und ich haben uns erschrocken.

Und? Hätten wir ihm hinterherrufen sollen: „Aber Max, du weißt doch, dass du nicht Gegenstände der Schule zerstören darfst!“?
Max war in dem Moment außer sich, und seine Impulskontrolle gleich null. Er war dann auch erstmal verschwunden, lief draußen umher. Nach 15 Minuten kam er wieder, entschuldigte sich, und schrieb die Prüfung zu Ende.

Als ich anderen Leuten von diesem Vorfall erzählte, fiel häufig als erstes der Satz: „Aber für sein Verhalten muss er doch bestraft werden! Das muss doch Konsequenzen haben!“

Max` Verhalten hatte natürlich Konsequenzen. [Strafen sind übrigens nicht das gleiche wie Konsequenzen, dazu hier mehr.]
Nämlich einmal die, dass die Tür repariert werden musste, und meine Kollegin darüber mit Max` Eltern sprach. Und mit Max natürlich.
Die andere Konsequenz waren unangenehme Gefühle von Scham und Reue, die sich bei Max eingestellt haben. Und ich bin mir sehr sicher, dass Max sich für sein Verhalten geschämt hat.
Aber er hat auch enorme Reife gezeigt, indem er es geschafft hat, über seinen Schatten zu springen, wieder zurückzukommen und sich zu entschuldigen. Diese Größe muss man erstmal haben.

Wir hätten nun eine große Sache daraus machen können. Disziplinarkonferenz, Schulordnung abschreiben usw. (wir haben aber Gott sei Dank gar keine Schulordnung). Wie man das eben so macht.
Aber wozu das Ganze? Wem hätte das etwas gebracht?
Hätte es andere Schüler abgeschreckt? Hätte es Max in seiner Entwicklung geholfen?

Fehlverhalten
Wenn wir Schüler/innen bestrafen, gehen wir davon aus, dass es „richtiges“ Verhalten und „Fehlverhalten“ gibt. Was genau unter „Fehlverhalten“ zu verstehen ist, ist für uns Erwachsenen klar: Nicht nur die Schädigung von anderen (Gewalt, Beleidigungen) und mutwillige Zerstörung, auch die Störung unserer Unterrichtszeit, z.B. durch ständiges Dazwischenreden oder die Versäumnis des Unterrichts (Schwänzen) gehören dazu. Sogar Hausaufgaben-nicht-machen oder sich-nicht-am-Unterricht-beteiligen bestrafen wir.

Strafen machen das Leben (einer Lehrkraft) zumindest kurzzeitig einfacher. Wir können bei Verhalten, das uns stört oder bestimmte (Schul-)Regeln bricht, bestrafen, wie z.B. durch Nachsitzen, Extra-Aufgaben, schlechte Noten, Suspendierung usw. Und damit hat sich das „Problem“, zunächst jedenfalls, für uns erledigt.

„Wer nicht hören will, muss fühlen!“, „Kinder und Jugendliche brauchen Grenzen!“, „Sie müssen lernen, dass das so nicht geht“. Das alles sind Phrasen, die ich früher mit unterschrieben hätte – die aber tatsächlich dazu da sind, dass wir uns hinter ihnen verstecken können, und die sich nicht im Geringsten damit befassen, was denn hinter dem Verhalten unserer Schüler/innen steckt; geschweige denn damit, was hinter unserem Wunsch steckt, dass Schüler/innen sich auf bestimmte Weise verhalten sollen.

Ursachenforschung überflüssig?
Der Familientherapeut Jesper Juul beschreibt in seinem Buch „Aggression“, wie er zu Besuch in einer Einrichtung für „Schwererziehbare“ ist und dort immer wieder hört, die Jugendlichen seien hier, weil sie ein „Aggressionsproblem“ hätten. Juul fragt dann die Betreuer, ob denn schon mal jemand von ihnen einen Jugendlichen nach den Gründen gefragt habe, warum er/sie aggressiv sei, und was genau ihn/sie wütend mache. Auf diese Idee war tatsächlich noch keiner der Pädagogen gekommen.

Es ging nur darum, dass das Verhalten „Aggression“ als falsch eingestuft wurde. Und falschem Verhalten begegneten die Pädagogen mit Sanktion. Juul entwickelte dann einen völlig neuen Ansatz, in dem er die Gefühle der Jugendlichen als legitim ansah und ernstnahm (vgl. J. Juul: „Aggression“, S.Fischer, S.8 f.).

Regeln und Strafen auf staatlicher Ebene
Auch für unser Zusammenleben im Staat hat sich das Konzept von Regelbruch = Bestrafung als sehr nützlich erwiesen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass z.B. Gewalttaten, Betrügereien und Schädigungen anderer nicht in Ordnung sind – was ja auch erst einmal gut ist, denn dadurch sollen Menschen vor Übergriffen geschützt werden.

Nun gibt es aber viele Menschen, die trotz dieser Regeln genau diese Dinge tun. Und dafür werden sie normalerweise bestraft. Die heftigste Strafe ist bei uns der Freiheitsentzug – den wir auch deswegen verhängen, weil wir andere Menschen vor gefährlichen Menschen schützen wollen. Strafen dienen hier also zum einen der Abschreckung und zum anderen dem Schutz der Bevölkerung, aber sie sollen auch der Läuterung der Übeltäter dienen.

Was machen Strafen mit dem Bestraften?
Aber helfen diese Strafen wirklich? Welche Wirkung haben sie auf diejenigen Menschen, die bestraft werden? Meiner Erfahrung nach verhält es sich so:
Menschen, die Gesetze und Regeln brechen, tun dies meistens nicht, weil sie Regeln und Gesetze brechen wollen. Sondern weil es irgendetwas in ihnen gibt, dass sie zu diesen destruktiven Verhaltensweisen verleitet.

Woher kommt der Impuls, dass ich jemanden ermorden will? Warum will ich jemanden betrügen? Warum will ich jemanden schaden?
Niemand kommt als Straftäter auf die Welt. Menschen sind in ihren Persönlichkeiten und Handlungsweisen geprägt davon, wie sie aufgewachsen sind. Vor allem die ersten drei Lebensjahre sind entscheidend – immer mehr Psychologen und Psychotherapeuten bestätigen dies, wie z.B. Hans-Joachim Maaz (hier bei Ken FM im Gespräch) oder auch Prof. Karl-Heinz Brisch.

Ob sich Menschen nun durch Strafen von Handlungen wie z.B. einem Mord abhalten lassen, halte ich für zweifelhaft, ebenso wie die Annahme, dass diesen Menschen die Strafe (z.B. Freiheitsentzug) hilft, sich zu einem friedfertigeren Menschen zu entwickeln (das mag in wenigen Gefängnissen in Norwegen der Fall sein, die aber wenig mit unseren zu tun haben).

Insgesamt betrachtet werden „34% derjenigen, die in einem Jahr strafrechtlich sanktioniert wurden, […] innerhalb von drei Jahren rückfällig. Je intensiver die Sanktion, desto höher ist die Rückfallrate“! Und: „Die Rückfallrate ist bei jugendlichen höher als bei erwachsenen Straftätern“, wie es in dieser vergleichenden Studie heißt.

Junge Menschen und Strafen
Und damit zurück zum Thema Schule. Ein Blick auf die Statistiken zeigt, dass gerade junge Menschen sich durch Strafen kaum beeindrucken lassen:
„Wer glaubt, aus dem Jugendgefängnis werden geläuterte Heranwachsende entlassen, irrt allerdings. Trotz der vielen Maßnahmen und Angebote ist die Rückfallquote im Jugendgefängnis extrem hoch – höher sogar noch als im Erwachsenenvollzug“, sagt der Resozialisierungsexperte Bernd Maelicke in der Süddeutschen.

Doch wenn insbesondere Jugendliche sich offenbar nicht durch Strafen „läutern“ lassen, wie kommen wir dann darauf, dass wir in Schulen mit Strafen Schüler/innen erreichen oder sogar zu besseren Menschen machen?!

Der Bildungsforscher Peter Gray hat gezeigt, was passiert, wenn einige besonders „schwer erziehbare“ Jugendliche vom klassischen Unterricht befreit und nicht mehr bestraft werden, dafür aber Unterstützung bei der Entfaltung ihrer eigenen Interessen erfahren: Sie zeigen hervorragende schulische Leistungen. Wie kann das sein? Sollte unser Bild von jungen Menschen etwa ein Update benötigen?

Strafen und Schule
Ich beobachte: In Diskussionen über Schulen geht es meistens nur darum, WELCHE Strafen Lehrer verhängen dürfen (z.B. hier) , aber wenig um die Frage, OB Strafen überhaupt sinnvoll sind oder WAS Strafen mit Menschen machen.

Strafen machen Angst und Strafen schrecken vielleicht den ein oder anderen ab [die Frage ist allerdings, wie man unter Angst etwas lernen soll]. Und ja, Strafen (wie das Wegschicken von jungen Menschen in einen extra „Time-Out“-Raum) mögen vielleicht Sicherheit für andere Schüler/innen gewährleisten.

Aber: Wenn es um die Entwicklung und die Würde desjenigen geht, der da weggeschickt wird, dann ziehen diejenigen, die bestraft werden, immer den Kürzeren.
Und auch wir, die wir Strafen verhängen. Denn es wäre genau in dem Moment, wenn so ein (in unseren Augen) „bestrafenswertes“ Verhalten auftritt, an der Zeit, nach den Ursachen zu forschen und ins Gespräch zu gehen.

Warum rennt ein Max wutentbrannt aus dem Raum und knallt die Tür? Was hat dazu geführt, dass er so einen immensen Frust hat und diesem nur so Luft machen kann? Warum schwänzt Karla die Schule oder arbeitet im Unterricht nicht mit? Warum stört Anton immer wieder meinen Unterricht?

Die Zeit, diesen wichtigen Fragen auf den Grund zu gehen, ist häufig im Schulalltag nicht da. Klassen sind zu groß und der Stundenplan zu voll.
Und trotzdem appelliere ich an alle Kollegen und Kolleginnen: Lasst euch von diesen organisatorischen Vorgaben nicht abhalten.
Geht mit euren Schüler/innen ins Gespräch, und zwar so oft wie möglich. Hört auf, euch selbst mit euren eigenen Bedürfnissen (nach Ruhe, oder nach was auch immer) hinter Strafen zu verstecken. Seid echt, und hört auf wie allmächtige Götter Strafen über Schüler/innen zu verhängen. Sagt, was ihr nicht okay findet, und vor allem, sagt, warum.
Macht euch dreidemsional und verzichtet auf eindimensionale „Weil du gegen die Regel verstoßen hast“-Phrasen. Seht eure Schüler/innen – mit all dem, was sie mitbringen, und was zu ihrem Verhalten geführt hat.
Sieh dich selbst mit all dem, was zu dir gehört, was du erlebt hast, und was zu deinem Verhalten geführt hat.
Lern dich selbst und deine Schüler/innen wirklich kennen – dann vergeht dir normalerweise ziemlich schnell die Lust, irgend jemanden bestrafen zu wollen.


In Teil II wird es darum gehen, warum Schüler/innen manchmal selber Strafen einfordern, warum Belohnungen genauso bescheuert sind wie Strafen, und warum Bestrafen immer einen Beziehungsabbruch bedeutet – wie harmlos die Strafe auch aussehen mag.

 

2 Replies to “Strafe muss sein! Oder? (Teil I)”

  1. Die Betrachtungen von Linda zu lesen, ist für mich als 80-Jähriger immer wieder ein Zuckerl, obwohl ich mit Schule nichts am Hut habe. Vielleicht auch gerade deshalb, weil meine geistig innere Datenbank alle Berichte, die mich über das Phänomen Schule erreichen, nicht in die Rubrik Bildung ablegt, sondern der Sparte Kriegsberichterstattung zuordnet.
    Dort erscheint Schule als ein Schlachtfeld auf dem, wie auf Schlachtfeldern üblich, die Wahrheit als Erstes stirbt. Weil sich dort das seltene Bündnis zwischen Lehrern und den heiligen Seelen von Kindern, die aus Liebe die Welt betraten, um diese in die Kultur zu transformieren, gegen die Demagogie der institutionalisierten Arroganz der Bildungsaristokratie behaupten muß. Diese ist der wahre Aggressor auf dem Schlachtfeld, dessen Absicht es nach wie vor ist, die angeborene Sehnsucht nach Liebe und Verbundenheit, ihren uralten Machtatitüden zu unterwerfen. Dazu braucht der Aggressor Bestrafung, Diszipinierung, Erpressung und das ganze Lügengebäude seiner Rechfertigungs-Demagogie. Nicht der Schüler, der die Tür vor dem ideologischen Bombardement seiner Geiselhaft zuschlug, sollte sich zu bußfertiger Einsicht aufgerufen fühlen, sondern die Arroganz der Macht, die nicht in der Lage ist, Bildung von Psychoterror zu unterscheiden.

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