Wer bin ich, und wenn ja, wie lange schon?

Meine Unterrichts- und Gesprächspartner sind vor allem Teenager. Häufig geht es da um Identitätsfragen und Selbstfindung. Wer bin ich und wer will ich sein? Welcher Job passt zu meiner Persönlichkeit? Und was, wenn ich morgen ganz anders bin?

Das wirft auch Fragen in mir auf: Wonach habe ich eigentlich meinen Job gewählt? Und was sind meine natürlichen Talente, Interessen und Begabungen? Wie erkenne ich die überhaupt? Das sind keine leichten Fragen. Und ich ahne, dass auch hier wieder unsere Kindheit und Vergangenheit eine ganz entscheidende Rolle spielen…

Woher kommen Talente?
Wie entstehen eigentlich unsere Begabungen und Fähigkeiten?
Einige scheinen angeboren zu sein. Ein besonders ausgeprägtes Gefühl für Rhythmus und Musik, oder ein außerordentliches Gespür für Sprache zeigen sich manchmal schon ganz früh.
Wir können auch bestimmte anatomische Eigenschaften mit auf die Welt bringen, die uns irgendwie besonders auszeichnen – wenn wir zum Beispiel über zwei Meter groß werden, fällt es uns wahrscheinlich leichter, Profi-Basketballer zu werden, also wenn wir nur 1,50 Meter groß sind.
Doch der Spruch: „Das wurde uns in die Wiege gelegt“ trifft in doppeltem Sinne zu.

Hauptsache Kontakt
Als Kinder sind wir grundlegend angewiesen auf guten Kontakt zu unseren Bezugspersonen und deren Zuwendung. Ohne diesen Kontakt können wir nicht leben. Schlimme Versuche im 13.Jahrhundert haben gezeigt, dass Kinder, die zwar mit Nahrung versorgt werden, aber mit denen niemand spricht oder spielt, sterben.
Der Kinderpsychiater John Bowlby hat später dann auch wissenschaftlich bewiesen, dass Menschen ein Bedürfnis nach engen, emotionalen Beziehungen angeboren ist.

Das bedeutet: Kontaktabbruch bedeutet höchste Gefahr. Wenn unsere Bezugsperson unzufrieden oder verärgert ist, sich abwendet oder verschwindet, also aus dem Kontakt mit uns geht, bekommen wir enorme Angst. Wir wollen, dass unsere Eltern (Lehrer/Erzieher) uns mögen.

Auch aus evolutionären Gründen: Denn wer früher nicht geschützt oder beachtet wurde, der wurde vom nächsten Säbelzahntiger gefressen. Menschenkinder sind die hilflosesten Geschöpfe auf diesem Planeten. Das Panik- und Angstprogramm ist immer noch in uns aktiv.

Was tun wir also, wenn der Kontakt zu unseren Bezugspersonen (wodurch auch immer) abbricht? Wir versuchen, den Kontakt (wieder) herzustellen, und zwar mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln. Anfangs ist das einzige Mittel Weinen und Schreien, doch je älter wir werden, desto diffiziler können wir uns auf die Anforderungen unseres Umfelds einstellen.

Wir verändern uns
Wenn ich zum Beispiel ein impulsives und lautes (Schul-)Kind bin, und ich mir immer wieder Ärger, Frust und Maßregelung bei den Lehrer*innen einheimse, dann erlebe ich von Anfang an einen Kontaktabbruch, wenn ich bin, wie ich bin. Es hilft also nichts, ich muss mich ändern. Ich habe keine andere Wahl, als irgendwann diese Seiten an mir aufzugeben und andere Wesenszüge auszubilden. Ich muss kooperieren, denn mein Grundbedürfnis nach Kontakt steht auf dem Spiel.

Eine Alternative wäre höchstens, noch lauter und impulsiver zu werden. Denn auch dieses Verhalten bewirkt zumindest eine emotionale Reaktion bei den Erwachsenen und ist damit eine Form von Kontakt. „Kinder gehen immer dahin, wo die Emotionen sind“, sagt Traumatherapeutin Birgit Assel. Ein Grund, warum sich Kinder eher beim emotionaleren Elternteil andocken, ist, dass hier die Aussicht auf Kontakt besteht.

Was heißt das konkret für heute?
Das bedeutet also, dass wir manchmal unser Ich aufgeben bzw. verändern, weil es nicht anders geht. Dass dabei Wesenszüge wie Fröhlichkeit, Neugier, Offenheit, Ausgelassenheit, Wildheit oder Spontanität auf der Strecke bleiben, liegt auf der Hand, ist unserer Psyche aber ziemlich egal. Hauptsache Kontakt.

Und nun kommt das Fatale: Das, womit man Kontakt herstellen konnte, wird in unserer Psyche als „erfolgreiche“ Strategie verbucht und weiter beibehalten. Und so schlägt uns unsere Vergangenheit ein Schnippchen.

Denn wenn ich heute eine stille, in mich gekehrte und zurückhaltende Person bin, heißt das beileibe nicht, dass ich schon immer so war. Vielleicht bin ich auch einfach nur so geworden, weil ich immer, wenn ich laut und ausgelassen war, Kontaktabbruch durch meine Eltern, Lehrer/innen oder Erzieher/innen erfahren habe. Weil in dem Moment jemand aus dem Kontakt mit mir gegangen ist. Bei Strafen geht man übrigens immer aus dem Kontakt.

Oder aber ich bin laut und kämpferisch geworden, weil mir zuhause am Küchentisch eh keiner zugehört hat, und ich durch meine Worte keinen Kontakt zu meinen Eltern aufbauen konnte: Ich musste mir eine Strategie aneignen – auch wenn ich von mir aus gar nicht lautstark sein wollte, weil das nämlich total anstrengend ist.

Pseudo-Autonomie
Ich kenne viele Erwachsene – mich selbst eingeschlossen – die denken oder lange gedacht haben, dass sie ganz besonders autonom sind, dass sie alles am besten alleine hinkriegen und keine Hilfe von anderen benötigen. Auch das ist eine Strategie.
Denn wer in einer Familie aufwächst, in der die Eltern sehr belastet sind (durch finanzielle Sorgen, Trauma, Süchte oder Krankheit), der wird sich hüten, eigene Bedürftigkeit zu äußern oder gar zu fühlen. Es dreht sich alles um die Belastung Eltern – und nur über ihre Bedürftigkeit gibt es Kontakt. Er oder sie wird also alles geben, um nicht selbst auch noch den Eltern (oder Erziehern/Lehrern…) zur Last zu fallen. Pseudo-Autonomie „Ich schaffe das alles ganz allein!“ und Glaubenssätze wie „Am besten verlasse ich mich nur auf mich selbst“ sind aus großer Not heraus geborene Strategien.

„Trauma-Überlebensstrategien“ nennt sie der Traumatologe Franz Ruppert. Denn es ist Trauma, wenn wir als Kinder nicht die Zuwendung und den Kontakt bekommen, den wir brauchen.

Überlebensstrategien
Und es geht noch weiter: Aus den Strategien heraus entwickelten wir bestimmte Fähigkeiten, um mit unseren primären Bezugspersonen in Kontakt zu kommen. Wir wurden z.B. richtig gut darin, der Mama zuzuhören und zu trösten, den Papa zu besänftigen und stolz zu machen, oder die Lehrerin durch viel Lernerei und gute Leistung zu beeindrucken. Einige von uns wurden vielleicht auch gut im Aggressiv-sein und Rebellieren, wenn das die einzige Chance war, in Kontakt zu den Eltern oder anderen Bezugspersonen zu kommen.

Und wenn wir dann für unsere Überlebensstrategien auch noch Lob erhalten –  „Du kannst dich so gut kümmern und für andere da sein“, „Du lernst immer schön fleißig“, „Du kannst gut alleine sein“, oder „Du lässt dir nichts gefallen“– dann identifizierten wir uns selber mit den „Skills“, die wir da erworben haben. Endlich werden wir gesehen!

Wunderkinder
So genannte „Wunderkinder“, die schon in ganz jungen Jahren extrem gut Geige spielen oder turnen können und täglich voller Disziplin stundenlang üben, werden meist gelobt und bewundert. Doch die Kehrseite ist, dass sie dies vielleicht nicht tun, weil sie selber diese singuläre Leidenschaft für sich entdeckt haben und voll ausleben wollen, sondern um mit ihren Eltern in Kontakt zu sein und diese nicht zu enttäuschen.
Stars wie die Eiskunstläuferin Tonya Harding oder auch Natalie Portman in ihrer Rolle in „The Black Swan“ zeigen, wie Kinder größte Anstrengungen auf sich nehmen, nur, um die Mutter oder Lehrerin zufrieden zu machen und in Kontakt mit ihr zu sein – selbst wenn der Kontakt ein (selbst-) zerstörerischer ist.

Tugenden?!
Bei näherem Hinsehen entpuppt so einiges, was in unserer Gesellschaft hoch angesehen wird, als Überlebensstrategie: Beispiele dafür sind viel und ohne Unterlass zu arbeiten („Workaholic“-Symptom), aber auch ein überbordendes Mitleid mit anderen oder besonders entwickelte „Antennen“ für die Gefühlszustände anderer.

Diese Antennen leisteten uns früher einmal gute Dienste, wenn ein Elternteil psychisch labil und unberechenbar war – oder im Klassenzimmer, wo zu jeder Zeit ein Verweis des Lehrers drohte. Hier mussten wir ganz besonders aufmerksam und feinfühlig dafür sein, wie der andere gerade „tickte“.
Und wenn wir extremes Mitleid hatten mit anderen, lenkte dies von unserer eigenen miserablen Lage ab und „verlagerte“ das eigene Leid auf andere im Außen.

Selbst „Hobbies“ wie extensives Lesen, Malen oder Geschichtenschreiben können Strategien sein, halfen sie uns doch, dass wir uns wegträumen und wegbeamen konnten aus einer Welt, die vielleicht nicht so war, wie wir es gebraucht hätten.

Wer bin ich?
Das, was wir gut können, hat also manchmal wenig mit unseren angeborenen Neigungen und unserer ur-eigenen Persönlichkeit zu tun. Denn, dass wir besondere Fähigkeiten und Eigenschaften schon als Kinder ausgebildet haben, muss nicht unbedingt bedeuten, dass wir schon mit diesen auf die Welt gekommen sind.
Wie aber unterscheiden, welches meine „echten“ Talente und Fähigkeiten sind, und welches meine Überlebensstrategien? Es geht letztendlich um die spannende Frage: Wer bin ich? Ein schwieriges Unterfangen.

Schulische Stärken?
Ich persönlich versuche es durch Erinnern. In meiner Grundschulzeit gab es meist verbale Rückmeldungen auf den Zeugnissen: „Linda arbeitet selbstständig und gewissenhaft“ oder „sie folgt still und aufmerksam dem Unterricht“ stand da. In der Schule waren solche Eigenarten natürlich gern gesehen, mir machen sie beim Lesen heute eher Magengrummeln. Verkappte Kritik wie „Linda ist sehr zurückhaltend und könnte sich am Unterrichtsgespräch mehr beteiligen“ klingt für mich heute seltsam fremdbestimmt und gar nicht wie ich.

Denn schon damals, im Spiel mit meiner besten Freundin, da quasselte ich drauf los, war offen, konnte laut sein und lachen. Ich war unternehmungslustig und heckte Streiche aus. Von dieser wilden Seite bekamen jedoch offenbar meine Lehrer/innen gar nichts mit.

Und täglich grüßt die Vergangenheit…
In alten Strategien und Hamsterrädern festzuhängen, passiert also sehr leicht – besonders, wenn wir Anerkennung und Lob für diese erfahren. Doch wenn wir in ihnen verharren, leben wir nicht uns selbst.

Interessanterweise beschreiben mich auch heute noch Menschen als zurückhaltend (oder auch als tough/cool), gerade in Settings mit größeren Gruppen, obwohl ich mich selbst gar nicht damit identifizieren kann und mir diese Außenwirkung eher unangenehm ist.

Ohje. Wie werde ich bloß diese alten Strategien los? Ich will doch (nur) ich sein!

Von heute auf morgen eine Strategie loszuwerden, klappt nicht so wirklich. Meine Psyche ist ja über Jahrzehnte gewachsen und wurde vor allem in der Kindheit, als mein Gehirn noch wuchs, geprägt. Meine psychischen Strukturen und Programme lassen sich also nicht so ratzfatz ändern.

Es gibt immer Gründe
Ich komme nicht umhin, erst mal zu würdigen, dass diese Strategien vor langer Zeit einmal meine Rettung waren. Sie waren überlebenswichtig, und haben mir gute Dienste geleistet! Ohne sie wäre ich heute gar nicht da, wo ich bin.

Klingt abgedroschen, ist aber essentiell und super schwer: Mitgefühl und Verständnis aufbringen für mich – damals und heute. Ich musste mir diese Eigenarten ja angewöhnen, weil es nicht anders ging. Das hab ich eigentlich ganz schön gut gemacht! Auch sie gehören also zu mir und meiner Geschichte.

Es fällt mir schwer, mich heute offen und unbefangen in größeren Gruppen zu zeigen. Es fällt mir schwer, auf mich selbst und mein eigenes Urteil zu hören. Und dafür gibt es Gründe.

Das lässt sich übertragen auf so Vieles: Es gibt Gründe, warum wir sind, wie wir sind. Warum wir bestimmte Ängste haben, warum wir Schwierigkeiten in Beziehungen haben, warum wir Rückenschmerzen haben oder nachts mit den Zähne knirschen. Warum wir arbeiten bis zum Umfallen oder uns um alle kümmern, nur nicht um uns selbst.

Symptome haben Ursachen. Was das für Ursachen sind, kann jede(r) nur für sich selbst herausfinden. Spannend ist der Moment, wenn wir Ursachen erkennen, und dann merken, dass wir die Strategien heute gar nicht mehr brauchen. Und sie einfach ziehen lassen können. Das kann wahrscheinlich ein Leben lang dauern, aber hey: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“, das wusste schon Rilke.

                                                                                                                                                                                                                                           Bild: privat

 

2 Replies to “Wer bin ich, und wenn ja, wie lange schon?”

  1. Linda! Ich wusste gar nicht von diesem Blog, bin zufällig darauf gestoßen und sehr begeistert. Es ist toll, deine Gedanken zu lesen und sich dabei mit so einigen zu identifizieren – ich freue mich auf mehr 🙂 Viele Grüße aus Neuseeland! Anna

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