Verdeckte Strafen in Hülle und Fülle
Kennt ihr die Sternchen- und Smiley-Stempel, die in Grundschulen verteilt werden – und die denjenigen vorenthalten werden, die nicht so schön geschrieben oder die Aufgabe nicht richtig erledigt haben? Kennt ihr die roten und gelben Karten, die Lehrer/innen störenden Schüler/innen zeigen?
Diese Maßnahmen sind nichts anderes als Konditionierung. Wir versuchen damit, bestimmte Verhaltensweisen abzustellen.

Auch ich habe fleißig konditioniert, und redete mir dabei ein, dass ich doch nur konsequent sei – und das sagen einem doch alle, man müsse konsequent sein! Nur: All diese Dinge sind in Wahrheit keine Konsequenzen (eine Kosequenz ist, dass ich mir die Finger verbrenne, wenn ich auf eine heiße Herdplatte fasse), sondern Strafen – wir reglementieren damit ein Verhalten, das uns in unserer Rolle als Lehrer/in unangemessen erscheint.

Das Verteilen von Extra-Aufgaben, Nachsitzen, Pausenverbot, der Ausschluss von der Gruppe sind nicht einfach nur „Erziehungsmittel“ mit der „Absicht, eine Schülerin bzw. einen Schüler (…) durch einen spürbaren Denkanstoß nachhaltig zur Erfüllung ihrer bzw. seiner Pflichten aufzufordern“ (wie es auf der Seite der Landesschulbehörde Niedersachsen heißt), es sind Strafen.

Auch der Eintrag ins Klassenbuch oder der drohende Elternbrief/-anruf sind Strafen – selbst, wenn wir Lehrer/innen das als schlichtes „Dokumentieren“ bezeichnen. Für unsere Schüler fühlt sich das meist anders an.

Manipulative Belohnungen
Belohnungen sind zum Beispiel Lob einzelner vor der versammelten Klasse, aber auch die genannten Sternchen ins Heft für besonders wenige Fehler. Auch die Aussicht auf etwas Schönes, wie z.B. früherer Unterrichtsschluss, Eisessen, ein gemeinsamer Ausflug, das sind manipulative Belohnungen – und nicht etwa pädagogisch wertvolle Kniffe der Motivation.

Am schlimmsten erscheint mir folgendes Szenario, von dem mir kürzlich ein Vater berichtete: Die Grundschullehrerin seiner Tochter verteilt regelmäßig am Ende der Woche Bonussterne an Schülergruppen, die zusammen an einem Gruppentisch sitzen – wenn aber ein Kind der Gruppe einmal seine Hausaufgaben vergessen hat oder sich einen anderen „Fehltritt“ erlaubt, dann gibt es diesen Stern für die ganze Gruppe nicht!

Manipulativer geht es kaum, denn damit nehmen wir den Schülern auch noch das, was vielen von ihnen in Schule besonders Freude macht: Freundschaften und soziale Beziehungen zueinander zu pflegen. Stattdessen schüren wir mit dieser Art der „Motivation“ Konkurrenzdenken und Ärger über einander.

Darüber hinaus haben Belohnungen überhaupt nicht die Wirkung, die wir ihnen gerne zuschreiben. Im Gegenteil. Der amerikanische Autor und Bildungsforscher Alfie Kohn hat schon vor vielen Jahren bewiesen, dass Belohnungen nicht dazu beitragen, dass Jugendliche motivierter eine Aufgabe lösen (Alfie Kohn bei Oprah Winfrey), sondern dass sie das Interesse und den eigenen Antrieb zur Lösung der Aufbage sogar verlieren.

Worst case
Wenn wir bestrafen oder belohnen, dann setzen wir uns automatisch über andere. Wir urteilen, und das wiederum bedeutet immer eine Form der Trennung, ein Sich-selber-erhöhen, ein Abbruch der gleichwürdigen Beziehung.

Wir können zwar so tun, als ob dem nicht so wäre, das ist dann aber sozusagen die perfideste Art der Manipulation: „Ich schicke dich jetzt nur raus, weil ich dich kenne und ich weiß, dass du dich dann beruhigst. Ich meine es nur gut mit dir“; „Ich gebe dir jetzt nur die schlechtere Note, weil ich weiß, dass du dich dann im nächsten Jahr noch mehr anstrengst.“
Hier soll man als Empfänger der Strafe dann auch noch dankbar sein für die „Nettigkeit“ des strafenden Gegenübers. Die Nähe der Beziehung wird ausgenutzt für die Manipulation. Dazu fällt mir nur der Satz ein „das Gegenteil von gut ist gut gemeint“.

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