Wenn ein Land seine jungen Bürger zwingt zur Teilnahme an einem System, das von ihnen verlangt, jeden Tag zu vorgegebenen Zeiten an einem vorgegebenen Ort zu sein, um dort Dinge zu lernen, für die sie sich selbst nicht entschieden haben, stellt sich die Frage, inwiefern hier tatsächlich zu Mündigkeit und eigenständigem Denken befähigt wird.

Die Rufe nach einer „gewissen Leidensbereitschaft“, die man Schülern und Schülerinnen antrainieren müsse, und die Forderung, es ihnen nicht zu bequem zu machen – schließlich werde später im Leben auch nicht alles Spaß machen, halte ich für den falschen Ansatz. Gesellschaften werden geformt von Menschen, und zwar aufbauend auf dem, was diese Menschen in jungen Jahren selbst erfahren haben. Die Frage lautet also nicht: Auf was für eine Gesellschaft müssen wir Schüler/innen vorbereiten, sondern: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?
Wenn es kleinen Menschen gut geht, wenn sie so sein dürfen, wie sie sind, werden aus ihnen sehr wahrscheinlich auch entspannte Erwachsene. Dazu brauchen Kinder sehr wohl unsere verantwortungsvolle Führung und Begleitung – aber das impliziert nicht, sie unter Androhung von Zwangsmaßnahmen zu etwas zu nötigen, was sie nicht wollen.

Ausblick: Schulen als Orte des Lernens
Es geht nicht um die Frage, ob wir Schulen abschaffen wollen. Aber ihre Rahmenbedingungen brauchen dringend ein Update.

Ein erster Schritt könnte sein, dass die Schulpflicht zumindest für diejenigen aufgehoben wird, die klar und von sich aus sagen, dass sie nicht (jeden Tag) zur Schule gehen wollen. So könnten sich neue Wege öffnen durch junge Menschen, die zeigen: Ich gehe meinen Weg, auch ohne Schulzwang. Vielleicht kommen diese jungen Menschen dann nur ein oder zweimal die Woche in die Schule, um sich mit ihren Lernbegleitern zu besprechen. Auch Eltern sind hier gefragt, ihre Lebensumstände zu hinterfragen und zu verändern, damit Schulen nicht zu „Verwahrstationen“ ihrer Kinder verkommen. Betriebe könnten sich öffnen, indem sie Eltern flexiblere Arbeitsmodelle (homeoffice, Gleitzeit) zugestehen.
Vielleicht werden aber auch Schulen in Zukunft so attraktiv sein, dass Kinder und Jugendliche gerne dort sind. Wir wäre es mit einer Angebotsschule, in der auf zwang- und gewaltfreie Art gelernt werden kann, und in der die persönlichen Grenzen von Schülerinnen und Schülern bewahrt werden? Hier können verbindliche Beziehungen entstehen, wenn Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf Augenhöhe miteinander sind. Stellt euch vor, es wäre Schule, und alle wollen hin!

Wie Schule sich auch immer weiter entwickeln mag: Solange Gehorsam belohnt und Verweigern bestraft wird, werden es mündige junge Leute, die den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen, schwer haben.

Lasst uns also aufhören, den Willen von jungen Menschen zu ignorieren. Lasst uns anfangen, Kinder und ihre Stimme ernstzunehmen. Lasst uns vertrauensvoll begleiten, Raum geben, zur Seite stehen, schützen und bestärken, wenn Kinder lernen. Für eine Schule ohne Zwang und ein Lernen in Freiheit.
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1 vgl. Robert Mohl in: Ludwig von Rönne, „Das Unterrichtswesen des Preußischen Staates“, Berlin 1855, abgerufen über http://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/185878/geschichte-der-allgemeinen-schulpflicht

Bild: wokandapix auf Pixabay

5 KOMMENTARE

  1. Es macht mich jedes Mal traurig zu sehen, wie lern- und wissbegierige Kinder sich auf die Einschulung freuen und nach kurzer Zeit absolut enttäuscht sind, weil Schule am Ende eine Mischung aus Langeweilig, Pflicht und Angst (Pfüfung / Stress / Strafe) ist. Dieses System ist so überaltert und kaputt reformiert. Schule muss definitiv neu gedacht werden! Danke, dass du dich dafür einsetzt.

  2. […] „Warum nicht jeder junge Mensch an fünf Tagen die Woche in der Schule sein möchte, dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Einer mag sein, sich gegen das schlechte Gefühl zu wehren, das Zwang und Anpassungsdruck in den meisten Menschen auslösen. Denn wenn ich zu etwas gezwungen werde, werde ich nicht gefragt und meine Bedürfnisse nicht gesehen. Sich dem zu verweigern kann also eine ganz gesunde Reaktion sein.“ (Linda 2018) […]

  3. […] „Warum nicht jeder junge Mensch an fünf Tagen die Woche in der Schule sein möchte, dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Einer mag sein, sich gegen das schlechte Gefühl zu wehren, das Zwang und Anpassungsdruck in den meisten Menschen auslösen. Denn wenn ich zu etwas gezwungen werde, werde ich nicht gefragt und meine Bedürfnisse nicht gesehen. Sich dem zu verweigern kann also eine ganz gesunde Reaktion sein.“ (Linda 2018) […]

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