Meine Ängste als Beamtin – „la dolce vita“ versus Rückgrat zeigen

Quer denken und Beamtin sein?!
„Linda, du bist eine Querdenkerin – und keine Beamtin!“ stellte kürzlich eine Freundin von mir fest. „Wieso, aber ich bin doch Beamtin!“ polterte es aus mir heraus. „Und ich mache meinen Job auch echt gut!“

Wieso sage ich das? Ich habe Angst, dass andere glauben, ich würde jeden Tag frustriert und widerstrebend zur Arbeit gehen, weil ich das System, in dem ich arbeite, hinterfrage und kritisiere. Doch das ist tatsächlich nicht der Fall: An den allermeisten Tagen gehe ich sogar sehr gerne zum Unterricht und sonstigen beruflichen Terminen.
Und trotzdem finde ich Vieles nicht stimmig, was da so an Schulen passiert und wie wir Erwachsenen mit jungen Menschen umgehen; und ja, ich möchte einiges verändern und ich denke wohl in vielerlei Hinsicht „quer“.

La dolce vita – Beamtin sein ist schön
Zugleich genieße ich natürlich die Vorzüge des Beamtenseins, gute Bezahlung, viele Ferien, Aussicht auf eine fette Pension. Ich bekomme allerlei angenehme Dinge zugesprochen, ich kann es mir gemütlich machen in meinem Status der Unkündbarkeit, Sorgen um Rente und Altersabsicherung liegen mir fern. All die Dinge, um die sich „Normal-Sterbliche“, die angestellt sind in der freien Wirtschaft, sorgen, betreffen mich nicht. Herrlich: All meine Sicherheitsbedürfnisse werden bedient! Es könnte so schön sein.

Im Gegenzug darf ich nicht streiken und wie das mit der offenen Kritik gegenüber meinem Arbeitgeber bzw. dem deutschen Schulsystem aussieht, das weiß keiner so genau. Es gibt zwar Zwangsversetzungen von Lehrkräften, die sich nicht an die Spielregeln halten und es wagen, bei der Notenvergabe von der „gauß‘schen Kurve“ abzuweichen, wie im Falle Sabine Czernys.  Aber das müsste ich ja nicht tun. Wieso halte ich also nicht einfach die Füße still.

Zuckerbrot und Peitsche
Aber was ist das eigentlich für ein Deal? Ich bekomme allerlei Nettes, damit ich funktioniere, ohne viel in Frage zu stellen? Klar, der Staat braucht seine Beamten, zuverlässig und jeden Tag; Streiken geht nicht, zum Beispiel im Polizeidienst, denn sonst würde das ganze Rechtssystem kollabieren, das verstehe ich. Bei verbeamten Lehrern und Lehrerinnen ist die „verlässliche Gewährleistung von Unterricht“ der Grund für das Streikverbot.

Trotzdem möchte ich nicht, dass mich diese „Prämien“ mundtot machen. Dass ich mich damit begnüge, und dann aber im stillen Kämmerlein mit Vielem nicht einverstanden bin, meinen Frust und Ärger wergdrücke, weil es bequemer so ist. Und ich glaube im Grunde auch nicht, dass die Politiker/innen das wollen. Denn so entwickelt sich nichts weiter.

Existenzängste, da seid ihr ja
It’s true: Ich habe manchmal Angst um meinen Beamtenstatus, um meinen Job, um meine Reputation. Ich denke an Leute wie Friedensforscher Daniele Ganser, die zu strittigen Themen forschen und die Wahrheit ans Licht bringen wollen, und dann ihres (akademischen) Amtes enthoben werden. Ob mir so etwas auch passieren könnte?

Jüngst wurde ich vom Rubikon Magazin interviewt, und schon jetzt schwingt eine gewisse Angst mit vor dem Tag der Veröffentlichung des Videos – was, wenn Kollegen mich dort sehen und „anschwärzen“?

Ohmann! Wo leben wir eigentlich?
Dass ich mir diese Fragen ernsthaft stelle, im Jahr 2019 in Deutschland, das ist schon ein ganz schöner Brocken, oder?! Dass ich mir Sorgen mache, was es für Konsequenzen haben könnte, wenn ich öffentlich meine Meinung äußere. Ob ich dann meinen Job verlieren könnte – obwohl ich ihn doch, trotz allem, so gerne mache.

Das erinnert mich an Staaten, in denen Bürger Zensur oder sogar Gefängnisstrafen drohen, wenn sie das vorherrschende Regime kritisieren. Aber das gibt es doch nur in der Tagesschau, und nicht (mehr) bei uns, in Deutschland?! Wir sind doch ein aufgeklärtes, demokratisches Land?

Und dabei habe ich für meine Thesen ja eine fundierte Basis: Ich beziehe mich auf Erkenntnisse von Bildungsforschern wie Peter Gray, Psychotherapeuten wie Franz Ruppert, Familientherapeuten wie Jesper Juul und Kindheitsforschern wie Michael Hüther. Ich berufe mich auf meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen.

Absurde Kriterien: Therapie verboten
Trotzdem ist da diese unbestimmte Angst, und mir der bin ich nicht alleine.

Ich weiß, dass einige meiner Kolleginnen (und auch ich) uns damals im Referendariat und der Probezeit gefragt haben, ob wir eine Therapie machen dürfen, als unterstützende Maßnahme bei Stress, Trennung, oder familiären Todesfällen. Aber die negativen Auswirkungen auf die Verbeamtung waren in aller Munde, und die meisten von uns ließen es bleiben.

Wie absurd ist das? Menschen, die sich schon zum Berufsstart um ihr psychisches Wohlergehen kümmern, werden benachteiligt bzw. müssen um ihre Einstellung fürchten. Wir sind doch nicht weniger belastbar, nur, weil wir uns bei Bedarf professionelle Hilfe holen – im Gegenteil!

Frischer Wind in der Schulszene
Die bloße Existenz von Menschen wie Jesper Juul und Andreas Reinke (von Familylab) beruhigen mich, und dass es unter Lehrern und Lehrerinnen mittlerweile Räume gibt für Austausch. Dass viele genau die Punkte kritisch sehen, die auch ich kritisiere:
– die Massenbeschulung (zu große Klassen)
– damit einhergehend Stress, Unruhe und Lärm
– das Lenken durch Strafen (für Fehlverhalten) und Belohnungen (für „richtiges“ Verhalten)
– aufoktroyierte Regeln und kaum Selbstbestimmung
– fragwürdige Kopplung von Bildung an Konkurrenz- und Leistungsdruck
– Noten- und Korrekturwahn; Fließbandarbeit für Lehrer/innen
– zu eng gefasste und voll gestopfte Lehrpläne

Hierarchien verhindern Entwicklung
Ich suche nach Lösungen und habe doch Bedenken: Denn schließlich sind hierarchische Systeme nicht auf Veränderung angelegt (vgl. G. Hüther). Wenn ich Menschen, die nicht im Umfeld Schule tätig sind, mit meinen Ideen komme, winken viele ab. So schlimm sei das doch alles nicht.

Zwar höre ich oft, dass sie selbst ihre Schulzeit nicht in guter Erinnerung haben und mit Vielem nicht einverstanden waren. Aber an „Grundfesten“ wie Noten, Fächeraufteilung, altershomogenen Klassen oder gar der Schulpflicht möchte dann doch keiner rütteln.

Hat hier die schulgewünschte Anpassung nicht wunderbar funktioniert? Genauso wie die Haltung „ich kann ja doch nichts daran ändern“, vorgelebt in den hierarchischen Ordnungssystemen der meisten Schulen.

Auch meine Ängste speisen sich wohl aus dem, was ich als Kind erlebte: „Bloß nichts falsch machen, ja alles richtig machen, sonst gibt’s Ärger.“ Plus: Ich denke noch immer, ich müsse anderen beweisen, was ich alles kann und „richtig“ mache.
„Würde ist das Gefühl, dass man Bedeutung besitzt, ohne dass man bedeutsam sein muss und dem anderen beweisen, was man alles kann.“ sagt Gerald Hüther.  Tja, würdevolles Aufwachsen kam bei mir wohl etwas kurz.

Geschichtliche Assoziationen
Kürzlich sah ich in einer Ausstellung des Dokumentationszentrum Reichparteitagsgelände in Nürnberg ein Bild: „Erst Deutscher, dann Beamter“. Mich schauderte es.

Versammlung des Reichsbundes Deutscher Beamter in Hamburg, 3.7.1933 (Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin)

Ich verbinde mit dem Begriff „Beamter“ jemanden, der ohne Widerrede etwas tut. Der ausführt, ohne viel nachzudenken. Die „Pflichten von Beamten“ muten schon seltsam altertümlich an.

Es anders machen – einige Beispiele
Es gibt zum Glück Lehrerinnen, die sich von der reinen Pflichterfüllung lösen, die es anders machen und mutige Alternativwege finden: Diese Lehrerin gibt nur noch gute Noten (in der Oberstufe) und berät Schüler persönlich in Sachen Studium. Lehrerin und Buchautorin Frau Bachmeyer hat ihren Weg an einer Oberschule gefunden und berichtet hier aus ihrem Alltag.

­­­­­­­­­­­­­Auch ich möchte auf friedlichem Wege – durch Gespräche, durch Artikel, durch Teilen meiner Gedanken – dazu anregen, dass wir einige Dinge im System Schule überdenken. Beamtentum hin oder her.

Worst case scenario: die Entlassung
„Was könnte denn im schlimmsten Fall passieren?“, fragte mich meine Freundin, als ich ihr all meine Bedenken hinsichtlich meiner Querdenkerei geschildert hatte. „Ich könnte meinen Job verlieren“, sagte ich, halb empört, halb verzweifelt. „Ja, na und? Dann suchst du dir eben einen neuen. Lehrerinnen werden doch überall gesucht – und du könntest auch an eine freie oder private Schule gehen.“
Ups, stimmt. „Oder du gründest deine eigene Schule!“ Ja, auch das wäre möglich…!

Interessant: Wenn ich mir vorstelle, was alles möglich ist, verwandeln sich plötzlich meine Ängste in Wagemut. Ich bin ja gar nicht (mehr) abhängig und ausgeliefert. Ich kann ja auch neue oder andere Wege gehen.

Hier sind noch ein paar Adressen für Wagemutige, die ich bereichernd und ermutigend finde und die (mir) helfen beim Ängste-Abbau ->
Aktion gute Schule
Schools of Trust
BFAS- Bund Freier Alternativschulen
Schulen der Zukunft
Familylab (nach Jesper Juul)
Apego Schule Berlin
Freie Schule Sonnenberg Eime

3 Replies to “Meine Ängste als Beamtin – „la dolce vita“ versus Rückgrat zeigen”

  1. Danke für diesen wunderbaren Text!
    Ich kann alles unterschreiben! Alles.

    Ich arbeite als „Wissenschaftliche Mitarbeiterin“ für die Volksschule (Schweiz). Den Begriff „Beamter“ verwendet man hier nicht … Ich bin nicht Lehrerin und habe somit keinen direkten Kontakt zu den ‚Betroffenen‘ …
    Und habe das Gefühl, dass ich an meinem Arbeitsplatz nicht wirklich viel bewirken kann.
    Ich habe das Gedankengut über die gute alte Volksschule (wie die Staatsschule in der Schweiz heisst) satt. Die Volksschule ist richtig und gut so und alle Optimierungsversuche drehen sich in einem Rahmen, der bremsend wirkt in Bezug auf wirklich gute Veränderungen.

    Das Beamtentum ist halt irgendwie ein goldener Käfig. Diese ‚Sicherheit‘ aufzugeben, ist nicht leicht.

  2. Linda ❤️ ich lese deine Artikel so unglaublich gerne. In Klassenarbeiten stehe ich oft da und helfe den Schülern wo ich kann und da es meistens die eher schwächeren Schüler sind, die die Klassenarbeit in Einzelarbeit bei mir schreiben, unterstütze und helfe ich da mitunter recht viel. Ich hab mir noch gar keinen Kopf darüber gemacht, dass ich wenn das aufliegt Probleme kriegen könnte . Das ich Schwierigkeiten bekommen könnte, wenn ich mich viel mit den Schulthemen auseinander setze und darüber blogge wie du hier, da hab ich allerdings tatsächlich schon drüber nach gedacht und ja es ist so wie du schreibst, bereits im Ref fragen wir uns, ob es wirklich gut sei eine Psychotherapie zu machen. Eigentlich echt krass. Und ja ich frage mich mitunter wie viel Veränderung der Staat tatsächlich will und wann und ob er dem ganzen Einhalt gebietet.

    1. Liebe Verena, ja stimmt, das Unterstützen beim Bewältigen von Klassenarbeiten ist auch so eine Sache, das kam mir an dieser Stelle gar nicht in den Sinn. Das ist auch so ein Fall, bei dem Unsicherheiten aufkommen können und bei mir auch schon aufgekommen sind — wie viel Unterstützung ist „erlaubt“? Eigentlich Quatsch, dass man sich diese Frage ernsthaft stellen muss.

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