„So, und jetzt übt ihr in Kleingruppen miteinander das Stellen der Fragen, so, wie wir es gerade durchgegangen sind. Ich teile euch ein, ihr arbeitet bitte immer zu sechst,“ sagt die Seminarleiterin und lächelt milde in die Runde.

30 Teilnehmer folgen munter dieser Aufforderung, rücken eifrig Stühle, das Handout mit den Fragen unterm Arm.

Und ich? Ich könnte kotzen. Am liebsten würde ich wegrennen. Weit weg.

Doch das mache ich natürlich nicht. Artig rücke auch ich meinen Stuhl zu der Gruppe, der ich zugeteilt wurde.
Habe schließlich selbst das Seminar gebucht, ja sogar bezahlt – weil mich das Thema interessiert hat. Und weil ich hier etwas lernen wollte.

Wollte ich auch, wirklich.. Bis vor drei Sekunden. Bis die Anweisung mit der Gruppenarbeit kam. Jetzt habe ich überhaupt keinen Bock mehr auf Lernen. Mir doch egal, diese blöden Fragen. Ich bin „anti“. Und man merkt es mir an.

Ein Geständnis
Ich, 35, studierte Gymnasiallehrerin, hasse das Arbeiten in Kleingruppen. Ich weiß um all die Vorzüge, die man dieser Methode nachsagt. Und totzdem.

Sobald mir jemand sagt, „jetzt tauscht euch in Kleingruppen aus“, geht meine Motivation flöten. Sogar wenn mich das Thema eigentlich interessiert. Warum ist das so? Was bringt mich innerlich so zum Brodeln? Ich ahne: Es ist die Methode an sich.

Denn ich mag es nicht, wenn mir jemand vorgibt, was ich wann wie mit wem zu tun habe. Selbst wenn es „nur“ um das Üben von Fragen geht. Selbst wenn es in einer Fortbildung ist, zu der ich mich freiwillig angemeldet habe.

Ich mag es nicht, wenn ich so ins kalte Wasser geworfen werfe. Wenn ich keine Zeit hab, zu schauen, ob ich das jetzt überhaupt machen möchte.

Und ich mag es nicht, wenn ich nicht selbst entscheiden kann, ob und wie ich etwas übe.

Das Resultat? Ich bin „anti“. Keiner hier nimmt Rücksicht darauf, dass mir das hier gerade zu schnell geht. Darauf, dass ich mich durch die vielen Vorgaben zum „Wie“ und „mit wem“ bevormundet fühle und dann keine Lust mehr habe, mitzuarbeiten. Und darauf, dass ich gerne erst gefragt werde, bevor man mir bestimmte Lernmethoden über den Kopf stülpt.

Bisschen heftige Reaktion?
Kann schon sein, dass ich hier besonders sensibel bin, kann sein, dass es anderen nicht so geht wie mir. Aber was ich hier schildere, sehe ich trotzdem häufig genau so bei meinen Schüler/innen: die Anti-Haltung, das wortkarge Verhalten, dass innere Brodeln.

In der Schule prasseln jeden Tag diverse pädagogische Methoden auf junge Menschen ein:
„Tauscht euch in Kleingruppen dazu aus.“ „Bearbeitet die Aufgabe in Partnerarbeit.“
„Wir machen jetzt ein Laufdiktat.“ „Ihr diskutiert jetzt dieses Thema im Kugellager.“

Woher wollen wir wissen, dass es nicht vielen Schüler/innen genau so geht wie mir? Häufig beklagen wir ihre Anti-Haltung und mangelnde Mitarbeit in Gruppensettings.

In dem Seminar war ich die personifizierte Anti-Haltung: Obwohl ich etwas lernen wollte. Obwohl ich doch erwachsen und „reif“ bin. Liegt es also wirklich an den Schüler/innen?

Klassische Argumente für Gruppenarbeit
Lasst uns erst einmal genauer schauen, warum Gruppenarbeit überhaupt so gehyped wird, und ob die Annahmen dahinter zutreffen.

„Gruppenarbeit ist wichtig, weil dort soziale Kompetenzen erlernt werden.“
Hm. Wenn dies so wäre, welche sozialen Kompetenzen* hätte ich dann in der beschriebenen Situation gelernt? Ich fürchte, gar keine – denn ich war überhaupt nicht offen, etwas zu lernen. Mein Widerwillen gegen die Methode war zu groß. Mein schlechtes Gefühl, weil ich mich nicht gesehen fühlte, zu stark.
Das heißt: Die Vorstellung, dass wir automatisch durch Gruppenarbeit neue Kompetenzen erwerben, stimmt so nicht.

„Teamwork ist eine ganz wichtige Basis-Kompetenz.“
Ist sie das? Wie kommt es dann, dass Menschen wie Albert Einstein oder Immanuel Kant bahnbrechende Erkenntnisse alleine im Schreibtisch hatten? Sicher sind sie auch in den Austausch mit anderen Menschen gegangen, doch ob sie das als „Teamwork“ bezeichnet hätten?
Teamwork bedeutet erst einmal nur die Zusammenarbeit von mehreren Personen an einer gemeinsamen Aufgabe – ohne Wertung.
Zu fruchtbarer Teamarbeit kommt es meiner Erfahrung nach erst dort, wo Menschen gemeinsam etwas schaffen wollen – die Lösung der Aufgabe ihnen also ein echtes Anliegen ist.
Doch wenn Personen willkürlich zusammengesetzt werden und ihnen eine Aufgabe vorgegeben wird, deren Lösung sie mitunter gar nicht interessiert, ist die Teamarbeit nicht immer fruchtbar – im Gegenteil, dann kommt es häufig zu Unlust, fehlender Motivation und Frust. Die Qualität von Teamarbeit kann also sehr variieren.

„Später im Job können die sich auch nicht aussuchen, mit wem sie zusammen arbeiten.“
Das mag sein. In meinem Job muss ich natürlich auch mit anderen zusammen arbeiten, und ich kann nicht immer entscheiden, mit wem. Doch besteht hier in den meisten Fällen auf beiden Seiten ein hohes Interesse am Lösen der Aufgabe, weil das, um was es geht, beide betrifft und die Aufgabe eine echte (notwendige, lebensnahe) ist. Zudem wusste ich ja vorab, dass der Job, den ich gewählt habe, diese Kooperationsbereitschaft erfordert.

Diese Voraussetzungen hat Gruppenarbeit in Klassenzimmern häufig nicht. Dass also Gruppenarbeit in der Schule nötig sei, um auf spätere Teamsituationen im Job vorzubereiten, passt nur bedingt – sind doch die Rahmenbedingungen ganz verschiedene.

Super Gruppenarbeit durch gute Vorbereitung?
Kann Gruppenarbeit auch in Schule sinnvoll sein und gelingen, wenn man sie nur gut genug vorbereitet?
Vor einigen Jahren hatte ich eine Prüfungsstunde in einem Oberstufenkurs  inklusive einer Gruppenarbeitsphase, die in Sachen Effektivität und Schüler-Aktivität top bewertet wurde.
Ich hatte mir natürlich vorher viele Gedanken gemacht, heterogene Lerngruppen aus „starken“ und „schwachen“ Schüler/innen zusammengestellt, die zu erledigende Aufgabe ganz genau beschrieben, besonders leistungsstarken Schülern sogar extra-fordernde Rollen zugeteilt usw. Wie man das eben so macht, im Referendariat!
Und natürlich „performten“ meine Schüler/innen gut. Das Korsett ließ ja auch wenig anderes zu.
Ob die jungen Menschen dabei aber einen Sinn in ihrem Tun gesehen haben, oder ob sie nur gehorcht haben, weiß ich nicht. Ob es für sie eine bereichernde Erfahrung war, auch nicht. Ob alle Kursteilnehmer in Gruppenarbeit gut lernen konnten? I don’t know.
Lernen ist ein innerer Prozess, und Menschen sind unterschiedlich.
Wenn ich das „Wie“ des Lernens für alle verbindlich vorgebe, dann haben die Teilnehmer keine Wahl. Und wer keine Wahl hat, kann nur reagieren: Er/sie passt sich an oder rebelliert.

Kooperation von Anfang an
Das Thema „Gruppenarbeit“ ist also vielschichtiger als gedacht.

Dass Gruppenarbeit so häufig im Unterricht Einsatz findet, hängt sicher auch zusammen mit dem Trugschluss, dass wir Menschen erst dazu bringen müssten, miteinander zu kooperieren. In Wahrheit jedoch tun Menschen dies von ganz allein.

Soziale Interaktion und Kooperation sind Fähigkeiten, die wir schon sehr früh zeigen und einsetzen, wie die Entwicklungspsychologen Tomasello und Hamann schreiben: „Kinder ziehen es vor, eine Aufgabe gemeinsam und nicht allein zu lösen.“ Denn Kooperation ist evolutionär gesehen von riesigem Vorteil und sogar artspezifisch“ für uns Menschen:
„Die menschliche Neigung zu kooperieren – [beruht] auf der artspezifischen Fähigkeit und Motivation zur ,geteilten Intentionalität‘. [Dieser] Begriff (…) beschreibt dieses Vermögen, sich in den Anderen hineinzuversetzen, seine Intentionen zu verstehen und zu teilen – und auf dieser Grundlage gemeinsame Ziele und Aktivitäten zu entwickeln.“ (https://www.mpg.de/4658054/Kooperation_bei_Kleinkindern)

Wie mache ich’s?
Früher habe auch ich häufig Gruppenarbeit als Sozialform eingesetzt. Heute versuche ich nicht mehr, Interaktion und Teamarbeit künstlich herbeizuführen – weil ich darin weder Sinn noch Notwendigkeit sehe, und mir die Wahrung der Grenzen eines jeden Menschen wichtig sind. Wenn Schüler/innen sich gut kennen, wollen sie meist ohnehin gerne zusammen arbeiten.
Ich stelle jedem meiner Schüler/innen frei, wie er/sie arbeiten möchte, ob alleine oder gemeinsam mit anderen, ich sage: „Ihr könnt das gern zu zweit machen, wenn ihr wollt“, oder frage „Wäre es okay für euch, wenn ihr diese Aufgabe zu zweit/zu dritt bearbeitet?“

Ängste und Anti-Haltungen bauen sich nur ab durch Vertrauen. Und Vertrauen entsteht nicht einfach so. Ich selbst kann davon ein Liedchen singen. It takes some time.

Gerade am Anfang, wenn die jungen Menschen sich noch kaum kennen, baue ich daher gerne Spiele ein, bei denen man sich etwas besser kennenlernt.
Ich mag z.B. „zwei Wahrheiten und eine Lüge“: Hier schreibt jeder (auch ich!) für sich drei Dinge über sich selbst auf (z.B. „ich war in den Sommerferien segeln“, „ich kann gut Pizza backen“ „mein Lieblingseis ist Erdbeere“). Eines der drei Dinge sollte ausgedacht sein. Die anderen Teilnehmer raten dannn, welches die Lüge ist. Das Schöne an dem Spiel – jeder gibt nur so viel von sich preis, wie er/sie möchte. Und es macht Spaß, sich mit Absicht anzulügen. Spiele, bei denen man sich anfassen oder direkt viel von sich preisgeben muss, vermeide ich.

Zu penibel, meine Haltung?
Kürzlich sagte eine Freundin zu mir, ich würde meinen Blog „nur“ aus einer eigenen (Schul-)Verletzung heraus betreiben. Ich war kurz empört, doch dann dachte ich: ja, stimmt, ich wurde verletzt, durch Schule, durch Lehrer, durch Methoden. Ich wurde häufig nicht gesehen.
Und umso mehr will ich heute dafür sorgen, dass sich das nicht bei anderen wiederholt.

Im nächsten Beitrag erfahrt ihr noch mehr dazu, was ich konkret im Unterricht mit meinen Schüler/innen mache und welche Materialien ich einsetze.

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* Unter sozialen Kompetenzen verstehe ich „die Fähigkeit zur Empathie, zur Kooperation und zur konstruktiven Auseinandersetzung mit Regeln“ (Stangl, W., 2020, Stichwort: ‚soziale Kompetenz‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik).

Photo by Charisse Kenion on Unsplash

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