Wir sitzen zu zweit am Tisch, mein Schüler Jens und ich. Auf dem großen Holztisch rings um uns herum liegen seine Schulbücher – wie ein Mahnmal. Wir müssten jetzt eigentlich Latein, Deutsch und Englisch lernen. Stattdessen haben wir alles beiseite geschoben und spielen mit „Story Cubes“: Das sind neun Würfel, die je sechs unterschiedlichen Symbole zeigen. Aus den Bildern, die nach dem Würfeln oben liegen, muss man eine Geschichte bilden.
Ich fange an und breche mir ganz schön einen ab: „Es war einmal, äh…“

Dann kommt Jens. Mühelos flicht der Zwölfjährige aus den einzelnen Symbolen eine zusammenhängende, spannende, überaus unterhaltsame Geschichte – ich lausche gespannt und muss mehrmals lauthals lachen. „Nochmal!“, fordert er. Die nächste Geschichte wird sogar noch besser. Die Ideen fliegen ihm nur so zu. Ich staune. Jede seiner Erzählungen ist bemerkenswert gut, böte einen 1a-Plot für eine Serie oder ein Buch.

Jens ist ein Geschichtenerzähler. Er hat Talent. Kein Wunder, dass er sich lieber gut gemachte US-Serien ansieht und sich mit antiker Geschichte beschäftigt, anstatt Deutsch und Mathe zu büffeln – denn hieraus zieht er die Ideen für seinen „Stoff“. Ich wette, Jens würde einen vielversprechenden Drehbuchautor oder Schriftsteller abgeben – Jens, für den alles, was mit Schule und Lernen zu tun hat, ein rotes Tuch ist, und der seit über einem Jahr so ziemlich alles verweigert, was ihm von Erwachsenen angeboten wird.

Hätte ich heute die Story Cubes nicht dabei gehabt, wäre mir das wohl gar nicht aufgefallen. Ich hätte Jens weiterhin für einen in sich gekehrten Jungen gehalten, der auf nichts so richtig Lust hat. Dabei sitzt da vor mir vielleicht der nächste Quentin Tarantino.

Talente in Hülle und Fülle
Talent. Es lässt sich „schwer schürfen“, denn es liegt oft „tief verborgen unter der Oberfläche“.  So beschreibt es der Autor und Bildungsforscher Sir Ken Robinson in diesem sehenswerten Vortrag. Er vergleicht Talente mit wertvollen Edelsteinen – die ja auch nicht einfach so auf der Straße herumliegen.

Es wäre aber ein Irrtum, zu denken, Talent sei rar gesät – im Gegenteil: Dass fast alle Menschen hoch talentiert auf die Welt kommen, ist schon ein geflügeltes Zitat des Neurobiologen Gerald Hüther geworden – es wurde aber auch schon von anderen bewiesen, z.B. in einer NASA-Langzeitstudie von George Land. Das Ergebnis der Studie: Vor der Einschulung sind 98% aller Kinder hochkreativ. Von den Erwachsenen, die nach ihrer Schulzeit getestet wurden, sind es schließlich nur noch 2%. Wie kann das sein? Und was hat Kreativität mit Talent zu tun?

Talent braucht Gelegenheit
Die Begriffe Kreativität und Talent überschneiden sich in ihrer Bedeutung: Kreativität gilt allgemein als „schöpferische Kraft“. Talent als „die Begabung, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten (…) Gebiet befähigt“ (duden.de). Begabung und Kreativität haben demnach nichts mit bestimmten Fächern zu tun. Sie können sich in allen möglichen Kontexten zeigen. Und: Sie beide beschreiben Dispositionen, über die alle Menschen von Geburt an verfügen.

„Man muss eigentlich nur die richtigen Bedingungen schaffen, damit Talente gedeihen können“, sagt Robinson. Wie in einem Gewächshaus. Doch was sind das für Bedingungen?

Der Nährboden: Zeit und Freiheit
Menschen benötigen ausreichend Gelegenheit, ihr Talent aufzustöbern – das heißt: die Zeit und den Raum, um kreativ zu werden, eigene Einfälle in die Tat umzusetzen. Denn nur durch eigenes Schaffen können wir Talent entdecken. „Wer Langeweile hat, fängt an zu überlegen, was er als nächstes tun möchte, und kommt so den eigenen Fähigkeiten auf die Spur.“ (G. Hüther hier).

Leider sind die Möglichkeiten, eigens etwas zu schaffen und eigene Ideen in die Tat umzusetzen, heute so rar gesät wie nie zuvor…  (Weiter geht’s auf der nächsten Seite)

4 KOMMENTARE

  1. Hallo Linda,
    dem gibt es im Grunde nicht mehr viel hinzuzufügen. Genau so ist es! Und genau darum geht es auch in Henning Becks Buch „Irren ist nützlich.“ Das wirkliche Denken im Sinne von gründlich reflektiertem Denken, das lernen wir nicht in der Schule (die Rahmenbedingungen geben es ja auch nicht her). Aber nur das bringt uns wirklich voran, wenn wir Beanstandenswertes – in welchem Zusammenhang/Kontext auch immer – verbessern wollen.

  2. Hallo Linda,

    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen. Der Artikel hier ist großartig! Du sprichst mir aus dem Herzen, auch wenn ich in der Erwachsenenbildung arbeite.

    Ich frage mich die ganze Zeit, warum wir das Schulsystem nicht endlich ändern. Alle Beteiligten sind sich einig, dass unser System einfach in weiten Teilen Mist ist. Alle Beteiligten ächzen und stöhnen. Doch wenn sich etwas ändert, dann meiner Wahrnehmung nach eher in eine ungünstige Richtung. Hast du eine Antwort, warum wir nicht beherzt eingreifen und den Kindern Kind-sein und Enwicklung ermöglichen?

    Viele liebe Grüße

    Axel

    • Lieber Axel, gute Frage… Ich denke, um ein ganzes System zu verändern, braucht es einen gehörigen Ruck, eine Rebellion, die zu einer Revolution führt. Im Moment gibt es viele einzelne „Strohfeuer“, also einzelne Menschen in Aufruhr, die sich nicht mehr mit dem Bisherigen zufrieden geben und neue Wege beschreiten wollen. Leider sitzen diese Menschen nicht in der (Schul-)Politik. Aber wenn wir uns gut vernetzen, können wir auch „von unten“ Neues anstoßen. Die Friday4Future-Bewegung hat es vorgemacht… Herzliche Grüße, Linda

  3. Hallo Axel, deinen Kommentar finde ich gut. Das Problem ist: Auch wenn „alle Beteiligten ächzen und stöhnen“, so sind sich alle Beteiligten dennoch nicht einig darüber, dass es in vielen Fällen „Mist“ ist. Wären sich alle einig, würden sie es bestimmt ändern, so rein von der Logik her. Sie sind sich aber eben gerade nicht einig! Bei der ganzen Geschichte geht es um das Menschenbild, das „man“, bzw. das wir alle zugrunde legen wollen. Da gibt es durchaus freundlichere Alternativen zu dem, was wir haben. Das ist der radikale Wandel, von dem auch Linda spricht. So einfach geht das aber leider nicht. Dazu braucht es sehr viel, um das zu ändern.

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