Seid achtsam mit Achtsamkeitstrainings
Kennt ihr dieses Spiel, bei dem der/die eine dem/der anderen mit dem Finger ein Wort auf den Rücken „schreibt“, und der andere muss raten, was es heißt? Ich mochte dieses Spiel immer sehr gern, weil ich gerne am oberen Rücken berührt werde.

Aber was ist mit meinen Schüler/innen? Ich kann in der Regel nicht wissen, was jemand schon alles erlebt hat in seinem Leben; und was jemand vielleicht innerlich abgespeichert hat in Verbindung mit „Berührung auf dem Rücken“.

Ein Anfassen am Rücken kann alt schlummernde Erinnerungen wecken, sozusagen wieder aktivieren, und schlimme Gefühle in meinem Gegenüber auslösen; Psychologen sprechen hier von „Flashbacks“ (es gibt sogar rein emotionale Flashbacks) und Triggern (2).

Es liegt also nicht in unserem Ermessen, zu entscheiden, was zur Entspannung unserer Schüler beiträgt, und dabei sogar so weit zu gehen, vorzuschreiben, wann jemand wen wie zu berühren hat bzw. sich zu berühren lassen hat.

Horrorszenario Bodyscan
Sogar harmlos erscheinende Techniken wie der beliebte „Body Scan“ können zu einer wahren Belastungsprobe für manche werden. Bei Bodyscans geht es darum, in jeden Teil des Körpers ausgiebig hineinzufühlen – diese Art der Körperwahrnehmung finden offenbar einige Menschen entspannend. Ich nicht.

Mir vorschreiben zulassen, wann und wie ich in welches Körperteil hineinfühlen soll, finde ich absolut bescheuert. Und so drifte ich dementsprechend nach wenigen Sekunden mit meinen Gedanken (gewollt!) weit weg. Da hilft auch jedes gut gemeinte „Bleib bei dir“ oder „Nimm einfach nur wahr“ sehr wenig.

Wenn ich mir nun vorstelle, dass ich in einer Klasse sitze, nicht wissend, welche Form von „Entspannungs“-Technik hier gleich auf mich angewendet wird, wer mich durch meinen Körper leitet oder sogar anfasst – da wäre die Erstarrung vorprogrammiert!

Verwirrung: Ist das wirklich gut?
Doch was, wenn ich von meiner Lehrerin gesagt bekomme, dass Bodyscans doch total super und entspannend sind und ich mich darauf einlassen soll?

Als kürzlich eine Lehrerin in einem Forum fragte: „Habt ihr Tipps für Konzentrationsübungen mit Drittklässlern?“ da hagelte es in kürzester Zeit Antworten:
Die Tipps reichten von „Meditation wäre hier eine gute Methode“ „Ja, Entspannungsübungen sind immer gut“ „Hamburger Konzentrationstraining kann ich empfehlen“ bis hin zu „Reflex-Integrations-Training ist super“.

Doch wenn wir behaupten, dass Entspannung immer gut sei und von außen hergestellt werden könne, dass Massagen immer schön und entspannend sind, dass Berührungen, Traumreisen und autogenes Training toll sind und die Konzentration fördern, dass es gut ist, unter fremder Anleitung in den eigenen Körper hineinzuhorchen, dann sprechen wir jungen Menschen ihre eigenen Gefühle und ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung ab.

Unaufmerksamkeit und Wegdriften als Überlebensstrategie
Wir wissen nie, wie sehr ein Mensch belastet oder traumatisiert ist.
Wenn ich Trauma erlebt habe, oder wenn ich, wie es bei jungen Menschen unter 18 oft der Fall ist, sogar noch immer in diesen traumatisierenden Umständen lebe, dann kann ich nicht einfach so entspannen, genießen, oder meditieren – und ich will es womöglich auch gar nicht! Denn dann tobt in mir die emotionale Hölle.
Ablenkung ist eine Trauma-Überlebensstrategie, die ihren Sinn und ihre Berechtigung hat. (3)

Wie und wann es an der Zeit ist, diese Strategie aufzugeben und nach Wegen zu suchen, innerlich zur Ruhe zu kommen, das kann nur jeder für sich entscheiden. Und kein (Deutsch-, Yoga-, oder Meditations-) Lehrer von außen.

Unachtsame Achtsamkeit

Dieser Text soll kein Pamphlet gegen Berührungen sein, und auch ich weiß natürlich um die positive Wirkung von Berührung, Körperkontakt, Mediationen usw. Ich möchte aber trotzdem darauf hinweisen, dass unter der Oberfläche manchmal mehr brodelt, als wir von außen sehen können; und dass das, was „achtsamer Umgang“ bedeutet, immer nur jeder Mensch für sich selbst definieren kann.

Kurz gesagt: Nicht für jeden Menschen sind Achtsamkeitsübungen achtsam.

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(1) „Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten. Jede Methode ist nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv, weil sie die Kinder für ihre Nächsten zu Objekten macht.“ (Jesper Juul, Dein kompetentes Kind, Reinbek bei Hamburg, 2016, S. 24)
(2) „Der Amerikanische Psychologe Pete Walker hat diesen passenden Begriff etabliert. Diese Art von Flashbacks sind viel häufiger und ohne dass man bemerkt, dass es sich hier um einen Flashback handelt.“ Quelle: Dami Charf  hier auf ihrer Seite (06.2019)
(3) Der Psychologe Franz Ruppert beschreibt, was Trauma-Überlebensstrategien sind und woher sie kommen, z.B. hier im Interview.

Foto: pixabay

8 KOMMENTARE

  1. Liebe Linda Göcking, Hamburgerin, Autorin…
    die Geschichte mit solchen Pseudo-Entspannungs-Geschichten ist ganz einfach. Das wird gemacht, weil Entspannung im stressreichen Unterrichtsalltag offensichtlich ein Defizit darstellt. Statt nun aber an die Ursache zu gehen und einen entspannten Unterricht zu machen (Unterricht in einer angstfreien Atmosphäre ohne strukturelle Gewalt auszuüben mit irgendwelchen Druckmitteln – siehe Ihr Rubikon-Interview mit J. Lehrich, B. Stern und B. Assel), hängen sich die „Verantwortlichen“ lieber so ein „Feigenblättchen“ um und sagen dann „Kuck doch, wir tun doch was für die Entspannung! Nämlich solche Übungen! Allerneuster Stand der Psychohygiene, bla, bla, bla.“ Das ist Symptomkurierung in Reinkultur! – Dann muss man im Grundsatz nix ändern! Ganz einfache Denke.

    • Lieber Herr Stadler, so habe ich das noch gar nicht gesehen, aber es stimmt: Entspannung als Defizit, und dann wird – statt auf die Ursachen zu schauen – mit einigen Übungen „interveniert“ und so getan, als wäre dies eine wirklich gute Lösung des Problems (welches nach wie vor bei den Schülern gesehen wird). Danke für Ihren Kommentar, dieser Aspekt fand in meinem Artikel keine Berücksichtigung.

  2. Liebe Linda,
    danke dir für diesen wichtigen Einwand!
    Ich schließe mich meinem Vorredner an: Mein Haupt-Fragezeichen bleibt dabei auch, inwiefern wir damit zu kompensieren und „zuzupflastern“ versuchen, was wir den Schüler*innen durch die übliche Alltagsstruktur zumuten und das an so vielen Stellen ungesunde Auswirkungen hat. Wir sollten die Ursachen angehen, und dafür müssen wir einiges umkrempeln – eben „Schule neu denken“.
    Was ich an dem Achtsamkeitsaspekt gut finde: Die Achtsamkeit mit mir selbst als Mensch in der Schule/im Unterricht/im Leben: Das sollten wir vorleben, unsere eigenen Grenzen kennen und achten und damit auch die Schüler*innen dazu ermutigen. Und dadurch auch die Achtsamkeit und Aufmerksamkeit FÜR unsere Schüler*innen ins Zentrum rücken.
    Viele liebe Grüße von Süd nach Nord,
    Katharina

  3. Hallo Linda und Katharina,
    wenn man sich mit unserer Gesellschafts-Struktur eingehend befasst, dann kann man diesen Achtsamkeits-Hype mit entsprechenden Übungen, die dann auch SchülerInnen zur Ruhe kommen lassen sollen, schnell einordnen als eine halbherzige Symptomkuríerung mehr. Das Muster solcher halbherziger „Lösungsangebote“ zieht sich wie ein roter Faden durch sehr viele gesellschaftliche Bereiche. Selbst, wenn man aus Frust zur Flasche greift und sich besäuft, wäre das so eine „Lösung“ (das drastische Beispiel ist nicht von mir, sondern ursprünglich von Gerald Hüther), deren gemeinsamer Nenner es ist, dass sie eben allesamt zu kurz greifen. Es wird etwas getan, es verdienen welche dran (z.B. irgendwelche „Coaches“), aber an den Kern des Problems kommt man doch nicht heran. An den Kern kommen wir nur mit ganzem Herzen ran!
    Herzlichen Gruß an Sie beide
    Christian

  4. Zwangskonzentration in der beschriebenen Form ist wahrlich ein Übel, auch wenn die Phänomene, die man damit „bekämpfen“ will, sicherlich zum heutigen Schulalltag gehören. Diese Unaufmerksamkeit ist dabei ja nicht auf den Unterricht beschränkt, sondern ein Alltagsphänomen, dem man sich nur schwer entziehen kann. Mir fällt bei diesen „Methoden“ immer wieder ein, wie in meiner Volksschulzeit die Klasse mit über vierzig Schülern in der ersten Stunde mit dem „Vaterunser“ eingestimmt wurde, auch von meinem Lehrer, der durchaus nicht religiös war! Es hat übrigens gut funktioniert, was aber wohl weniger am Gebet lag als an der Persönlichkeit des Lehrers, bei dem man immer das Gefühl hatte, dass er jeden einzelnen seiner Schüler mochte. Und die Schüler mochten ihn! In einer Klasse, in der diese Beziehung zwischen Schüler und Lehrer funktioniert, gibt es wenig Probleme mit mangelnder Konzentration. Dieser pädagogische Bezug – halt ein wenig altmodisch – ist für mich eher der Weg, die im Beitrag angesprochenen „Probleme“ in den Griff zu bekommen. Übrigens habe ich selber an der Universität in Seminaren feststellen können, dass es möglich ist, hohe Konzentration bei StudentInnen auch unter schwierigen Bedingungen zu erhalten. Da war es natürlich nicht ein Gebet 😉

    • Lieber Herr Stangl, ja, genau: Be-ziehung statt Er-ziehung! 🙂 Danke für den Kommentar und das Teilen dieser auch positiven Erfahrungen.

  5. Hallo Linda, danke für diesen Beitrag. Ich teile einige Ihrer Bedenken. Achtsamkeitsübungen sollten immer freiwillig sein und nicht als Mittel eingesetzt werden, um Kinder ruhig zu stellen (was sowieso nicht funktionieren wird). Grundsätzlich fragwürdig ist für mich auch, ob ein Lehrer in der Regelschule, der Noten vergibt und Kinder bewerten muss, gleichzeitig Achtsamkeitsübungen anleiten sollte. Aus meiner Sicht geht das gar nicht.

    Leider wird in unserer heutigen Zeit vieles marginalisiert oder einem Ziel geopfert. Daher kommt auch das (falsche) Verständniss, dass Achtsamkeit dazu dient, zu entspannen oder zur Ruhe zu kommen. Vor allem so genannte „Traumreisen“ haben einfach gar nichts mit der Praxis der Achtsamkeit zu tun.

    Studien zeigen übrigens, dass Kinder, die Achtsamkeit kennen lernen, eher aufmüpfiger als „braver“ werden, weil sie ihre Körperempfindungen besser wahrnehmen und ausdrücken können. Wenn der Pädagoge aber selbst nicht in der Achtsamkeitspraxis zuhause ist, wird er diese „Aufmüpfigkeit“ falsch verstehen und wieder versuchen, sie zu unterdrücken. Und das ist natürlich fatal. Eine fundierte Achtsamkeitspraxis kann Erwachsenen sehr helfen, die Lebendigkeit der Kinder nicht zu unterdrücken – das Hase läuft also genau anders herum…

    Was den Bodyscan betrifft lauern leider auch hier viele Verständnisfallen. NEIN, das ist KEINE Entspannungsübung. Es geht darum, eine wache, interessierte Konzentration aufzubauen und die Übung kann große Schönheit und Tiefe entwickeln. Wie in der Schule braucht es aber zum lernen und um mit Widerständen umzugehen auch Vertrauen (Beziehung!) in denjenigen, der diese Übung anleitet. Und mit Vertrauen in andere und darin, sich anleiten zu lassen, tun sich viele Menschen oft sehr schwer. Möglicherweise hat das mit Traumata zu tun. Allerdings kann Achtsamkeit eben auch Traumata heilen – immer unter der Voraussetzung, dass Menschen diesen Weg im eigenen Tempo gehen können und keinen Zwang erleben.

    Alles das kann man nicht in ein paar Stunden, online oder in eine App erlernen – das wäre ein bißchen wie „malen nach Zahlen“.

    Viele Kinder lieben die Anleitung übrigens sehr. Sie mögen die Stille, sie mögen es, durch ihren Körper geführt zu werden und bei sich anzukommen. Sie mögen es auch, anderen Gutes zu tun, einander zuzuhören und Raum zu haben, in dem sie einmal nicht benotet oder verglichen werden oder etwas leisten müssen. In einem gut geleiteten Stunde kann eine Atmosphäre entstehen, die Kinder stärkt und mit sich und anderen verbindet. Ob die Regelschule dafür der passende Rahmen bietet, bezweifle ich allerdings.

    Vielleicht geben Sie der Achtsamkeit ja noch eine Chance…
    Herzliche Geüße
    Julia

    • Liebe Julia, vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich finde es interessant, dass, wie Sie schreiben, Kinder, die Achtsamkeit kennen lernen, eher aufmüpfiger als „braver“ werden…Offenbar haben Sie da schon eigene Erfahrungen gemacht. Und ja, wie soll ich jemandem wirklich vertrauen, der den „Job“ hat, mich zu bewerten und benoten? Schwierig..
      Ob Achtsamkeit allerdings Trauma heilen kann, wage ich zu bezweifeln, aber das müsste man an anderer Stelle diskutieren ;-). Auch ich kenne aber die positiv-beruhigenden Effekte z.B. von Meditation und nutze diese auch für mich privat. Herzliche Grüße!

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