10 Dinge, die ich im Unterricht nicht mehr mache (Part II)

Entspannt unterrichten… wie geht das? Hier teile ich erneut meine ganz persönlichen Erfahrungen. Sie sind die Fortsetzung zu diesem Beitrag.

6. Mir selbst etwas verbieten
Genauso, wie ich versuche, die Bedürfnisse meiner Schüler/innen zu achten, versuche ich das auch mit meinen eigenen. Thema Essen: Ich werde meistens ziemlich ungemütlich, wenn ich Hunger habe. Angenommen, in der Pause ist keine Zeit zu frühstücken (wegen Staus am Kopierer, dringender Anrufe, Gesprächsbedarf mit Kollegen usw.) – statt in der Folgestunde mit knurrendem Magen und sinkender Laune weiter zu unterrichten, nutze ich Momente, in denen meine Gruppe still für sich arbeitet, und beiße schnell mal von meinem Brötchen ab. Ich kündige das an, sodass alle wissen, dass ich kurz nicht reden kann.
Das hat bisher gut gekappt. Ich glaube: Wenn junge Menschen merken, dass ihre eigenen Bedürfnisse gesehen und respektiert werden, können sie auch entspannt reagieren, wenn es um die Bedürfnisse anderer Personen geht. Es ist kein Kampf um „wer bekommt mehr“, kein entweder (meine Bedürfnisse) oder (die des anderen), so wie ich es früher in Klassen oft erlebt habe. Zugegeben: je größer die Klasse, desto schwieriger das Unterfangen „gegenseitige Bedürfnisse berücksichtigen“. Darum plädiere ich ja auch für kleinere Klassen (oder gar keine fixen Klassenverbände mehr).
Denn natürlich springt der Gerechtigkeitssinn an, wenn bestimmte Schüler/innen etwas machen dürfen und andere nicht, oder wenn ich als Lehrerin etwas tue, was anderen nicht gestattet ist. Wenn Bedürfnisse nicht gleich gewichtet werden, fühlen sich diejenigen am kürzeren Hebel vernachlässigt. Dass junge Menschen auch mal lernen müssen, ihre Bedürfnisse (z.B. gegenüber Erwachsenen) zurückzustellen, halte ich indessen für einen Irrtum. Doch zum Thema Adultismus an anderer Stelle mehr…

7. Versuchen, Persönliches geheim zu halten
Die „professionelle Distanz zu seinen Schülern wahren“, welcher Lehramtsstudent bekommt diese Regel nicht eingebläut?! Jahrelang habe auch ich versucht, nach diesem Credo zu handeln. Ich versuchte, möglichst professionell-distanziert rüberzukommen, und wenn mir doch mal das ein oder andere private Detail über die Lippen rutschte, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Was für ein Quatsch!
Wenn ich zu jungen Menschen eine Beziehung aufbauen möchte  – und ich bin überzeugt, dass Lernen am besten in und über Beziehung funktioniert – klappt das so garantiert nicht.
Nicht nur, dass es wahrscheinlich viele bemerken und irritiert, wenn ich mir so eine Maske aneigne, sondern auch, weil diese Pseudo-Distanz ein unnatürliches Ungleichgewicht mit sich bringt. Schließlich weiß ich als (Klassen-)Lehrerin alles Mögliche über meine Schüler/innen: wo diese wohnen, aus was für einem Elternhaus sie stammen, wo ihre individuellen Stärken und Schwächen liegen (jedenfalls laut Zeugnis). Die Schüler/innen wissen von mir erst einmal gar nichts. Ich kann entscheiden, wieviel und was ich preisgebe, die jungen Menschen haben diese Option in der Regel nicht. Diese „Informationshoheit“, die durch die schulischen Anmeldeverfahren bedingt ist, erschafft ein seltsames Machtgefälle: Ich weiß „alles“ von dir, aber du „nichts“ von mir. Das ist kein Boden für gesunde Beziehungen.
Kein Wunder also, dass viele Schüler/innen regelrecht danach lechzen, private Dinge von ihren Lehrern zu erfahren. Warum ist das so? Es geht um Beziehung. Und die Bedingung für ein in-Beziehung-sein ist Authentizität. „Ah, du bist so und so“ – sich kennen schafft Sicherheit und Vertrauen. Junge Menschen wollen sehen, wer hinter der „Lehrer-Maske“ steckt. „I want to see teachers as who they are“, sagt Paola Murdolo, ehemalige Schülerin einer demokratischen Schule.
Gelingt das trotz „professioneller Distanz“? Mir gelang es jedenfalls nicht. Mein Verhalten früher grenzte an Selbstverleugnung. Denn: Ich bin gar nicht distanziert. Ich liebe es, zu erfahren, wie andere Menschen leben, und genauso bereitwillig erzähle ich von meinem eigenen Leben. Ich quatsche gerne drauflos, bin offen, neugierig und lache viel. Warum all diese Facetten von mir verbergen?
„Echt“ sein bedeutet aber auch, bestimmte Dinge, die ich für mich behalten möchte, für mich zu behalten. Und natürlich Schüler/innen ihren eigenen Raum und Privatsphäre zu gewähren.
„Ich will nicht die beste Freundin meiner Schüler sein“, las ich jüngst in einer Kolumne einer Lehrerin. Das ist auch nicht meine Intention. Ich versuche jedoch nicht mehr, vertrauensvolle Beziehungen mit allen Mitteln zu unterbinden. Denn Distanz ist keine Bedingung für Professionalität.

8. Schüler/innen aufzeigen lassen und drannehmen
Unnatürlicher könnte eine Kommunikation kaum sein. Gut, in bestimmten Settings ist es praktisch, einen Moderator zu haben (zum Beispiel bei größeren Gruppen), der einzelne Redewillige wahrnimmt und ihre Beiträge in eine geordnete Reihenfolge bringt. Denn wenn mehrere Menschen durcheinander reden, kann keiner mehr folgen.
Auf der anderen Seite empfinde ich es als bevormundend, Menschen vorzugeben, wann sie reden dürfen und wann nicht. Das klassische Aufzeigen und Drannehmen führt außerdem in großen Klassen dazu, dass nicht alle Schüler/innen zu Wort kommen. Viele aufzeigende Finger sinken enttäuscht wieder herunter, wenn die zu den Fingern gehörenden Individuen keine Chance hatten, den Gedanken, den sie äußern wollten, zu äußern.
Bei mir selbst stellte sich dadurch früher eine große Unzufriedenheit ein. In Deutsch, einem Fach, in dem ich viel wusste und mich sicher fühlte, stellte ich sogar in der 6.Klasse meine mündliche Beteiligung komplett ein, weil meine Lehrerin mich gefühlt nie dran nahm. Das frustrierte mich, wusste ich doch die richtigen Antworten auf ihre Fragen und bekam keine Chance, das zu zeigen. In Fächern wie Mathe hingegen graute es mir vor dem ungefragt-drangenommen-werden, denn hier war die Bloßstellung durch eine falsche Antwort oder Schweigen garantiert.
Ich versuche nun mit meinen Schülern und Schülerinnen (auch in Gruppen) Folgendes: Ich frage sie, ob sie sich zu etwas äußern mögen. Und die Frage ist ernst gemeint. „Melanie*, magst du deine Antwort vorstellen zu der Aufgabe xy?“. Wenn die Antwort „nein“ lautet, dann heißt das nein, und ich bohre nicht weiter rum. Zugegeben, auch durch höfliches Angesprochenwerden könnten sich einige Schüler/innen schon bloßgestellt fühlen. Ich habe hier leider noch keine Allround-Lösung parat.
Da ich generell kein Fan von Vorführ-Situationen bin, und eben alleine die Möglichkeit, drangenommen zu werden, viele in Stress bringt, arbeite ich oft mit Selbst-Checks: Die eigenen Antworten werden mithilfe von Lösungsblättern überprüft und bei Fragen/Unklarheiten kann jede(r) sich von sich aus an mich wenden. Im Fach Deutsch ist das allerdings leichter als in Englisch — bei Fremdsprachen kommt es ja auch auf die Aussprache an.
Was ich stets im Hinterkopf habe, ist meine Wortwahl: „Ich helfe euch gern“ und „Ihr habt es nicht verstanden? Ok, ich erkläre es noch mal anders“ laden hoffentlich ein, Fragen zu stellen und keine Angst vor Fehlern zu haben.
Natürlich geht dies alles am besten dann, wenn mündliche Mitarbeit nicht bewertet wird. Meine Haltung zum Thema Belohnen und Bestrafen findet ihr (bald) hier.

9. Unechte Fragen stellen
„How do you spell ,health‘, Ina?!“ Auf so eine Frage kenne ich natürlich die Antwort. Ob Ina* sie kennt, weiß ich nicht. Warum stelle ich ihr dann also diese Frage? Die Wahrheit ist, die Frage ist ein Trojaner – in ihr verbirgt sich eine Prüfung. Ich will wissen, ob Ina es weiß. Ich habe kein eigenes, natürliches Interesse an der Antwort, sondern möchte schauen, ob Ina in der Lage ist, die in der Frage verborgene Aufgabe zu bewältigen: Kann sie ,health‘ buchstabieren?
Anders wäre es, wenn ich fragen würde „Wie spät ist es gerade?“, wenn ich meine Armbanduhr vergessen habe und wirklich daran interessiert bin, zu wissen, wie spät es ist.
Ich fühle mich beim Stellen unechter Fragen aus zwei Gründen nicht gut: Unechte Fragen suggerieren ein gewisses Maß an Überheblichkeit durch das offensichtliche Mehr an Wissen bei mir als Fragestellerin. Und: Sie lassen mein Gegenüber alt aussehen, wenn er/sie die Antwort auf die Frage nicht kennt. Irgendwie unfair, das Ganze.

10. Tests/Überprüfungen ohne Hilfsmittel
Wer kennt sie nicht, die altbekannte Warnung der Mathelehrer – „Wenn ihr dann mal ohne Taschenrechner da steht!“ Ähm, wann bitte soll das sein? Vielleicht, wenn ich gerade auf einem Surfbrett stehe oder tauche… Bei allen wasserdichten Aktivitäten habe ich jedenfalls mein Handy dabei. Und meine Schüler/innen sowieso. Und in wirklich jedem Handy ist heutzutage ein Taschenrechner integriert.
Warum soll man also auf technische Errungenschaften verzichten, nur für den (unwahrscheinlichen) Fall, dass sie einem nicht in jeder Minute seines Lebens zur Verfügung stehen? In fast jeder real-life-Situation besteht heute die Chance, etwas, das man nicht weiß, nachzuschlagen — dem Internet sei Dank. Welchen Seiten man dabei Vertrauen schenken kann, und welchen nicht, wissen viele junge Menschen meist schon ganz gut. Schließlich sind sie (im Gegensatz zu uns Erwachsenen ü-30) mit diesem Medium aufgewachsen. Ich kenne Schüler, die sich mithilfe von youtube-Videos ganze Themenkomplexe selbstständig erarbeiten. Was mich freut, denn leidige Themen wie „Satzglieder“ kriegt manch Youtuber viel schöner erklärt als ich. Ich selbst nutze fast täglich online-dictionaries und empfinde diese als wahnsinnig zeitsparend und praktisch.
Zeitgemäß ist es, wenn junge (und alte) Menschen auch im Unterricht die Freiheit haben, sich neuer Medien zu bedienen, um etwas genauer nachschlagen zu können. Und auch old-school-Hilfsmittel wie Wörterbücher und Taschenrechner könnten ruhig jederzeit (auch bei Tests) erlaubt sein. Denn was ist das Ziel, wenn wir Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit, auf Hilfsmittel zurückzugreifen, versagen? Dass sie auswendig gelerntes Wissen abspulen können? Dass sie zeigen, dass ihr (Kurzzeit-)Gedächtnis funktioniert? Der asiatische Unternehmer John Ma findet hier klare Worte: „Wir können unseren Kindern nicht beibringen, mit Maschinen zu konkurrieren. Was wir ihnen mitgeben sollten, sind Werte, Überzeugungen, unabhängiges Denken, Teamwork und Mitgefühl.“

In diesem Sinne… Lasst uns Schule neu denken!


*Namen von Schülern oder Schülerinnen, die ich in meinen Blogbeiträgen erwähne, sind fiktiv

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